Table Of ContentHilarion Petzold, Gabriele Ramin (Hrsg)
Schulen der
Kinderpsychotherapie
Sonderdruck
Analytische Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapie in der Individualpsychologie
Alfred Adlers
Anne-Els Stadler und Karl-Heinz Witte
Cad] JUNFERIMANN-VERLAG - PADERBORN 1887
Analytische Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapie in der Individualpsychologie
Alfred Adlers
Anne-Els Stadler und Karl Heinz Witte, Miinchen
1, Analytische ‘oder kognitive Individualpsychologie?
Darstellungen der individualpsychatogischen Kurztherapie und Be-
raiung sind zahlreich erschienen (Literatur bei Bruner et al, 2985;
Schmidt 1982; Titze 1984). Gelegenilich scheint «s, als seien diese dié
Kenmeichnendon Methoden der Indivicnalpaychotogie. Noch 1976 auf
dem internationalen KongteB in Miinehen fand cine Podiumnsdiskus-
sion statt: [st dio Individualpeychologle elne Tiefenpsychologie? (Kau-
sen et al, 1978, 8, 223-236) Diese Frage wird seither eindeutig mit [a
beantwortet. Das Problem der analytiachen Methaden in der iadtvi-
dualpsychologischen Paychotherapie beherracht: aur Zeit die Diskis-
sionen und Studien in der Deutschen Gescllschaft tir Individualpsy-
cholugte.
Das heifit nicht. dail cine Varcinderung in den Grundlagen der Theo
rie eingetreten ist, Wir hoffen zeigen zu kénnen, daft die Prinzfpien des
Manschenbilds, déx Neurosenlehre und des Therapickonzepts von Al
fred Adler in der analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychothera-
pie beconcers wirksam sind, Da6 sich bei der Ausgestaltung dieser
Therapieform Annaherungen an andere Schulen der Kindettherapie
exgeben, liegt vor allom in dec Natur dee Sache. Die Kinder — und die
Dynamik der Neurose — sind ja dieselben, gleich von welchem Schul-
standpunkt aus sie betrachtet werden. Komvergenzen mit der Indi
dualpsychologie finden wir besonders in der modernen Psychoana-
tyse, und zwar in don Konzepten der lrithkindlichen Entwicklung und
der daraus abgoleiteten Ich- bzw. Selbstpsychologie sowie in den-damit
sinhergehenden theoretischen und behandlungstechaischen Verdinde~
angen (Blanck 1978, 1980: Kohut 1979; Mentzos 1984). Die Betonang,
des Ganrheitsaspekts und der Selbstheitungslendenzen sowie der
trangpersonalen Dimension in den neueren Paychotherapiebewegun-
gen, die sich unter dem Namen humanistische Psychologie” sam-
meln, sind individualpsychologischem Denken besonders verwandt,
und viele Individualpsychologen Integrieten gern die in diesen Schulen
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eniwichelten Techniken in ihre Therapie (Heisterkamp 1985a; Seidel
1985), Es sei daran erinnert, da6s die Psychosomalik und die damit ein-
hergehenden ktnperbecogenen Psychotherapieformen auf dem Ur-
aprungifeld der Neurosenlehre Alfred Adlers arbeiten (Adler 1907,
1920, 1912a),
sit aardinys nicht au verano, du die andoven Schulan dee Pavchotherapis in
sanchen dieser alten Arbeitatldee der Indiridualpsychotogie lange abe mehr gefracht
haben ala die Individualpnychologe selosl. Das et vor allen aul die Emigration Adlars
and vieler seer Schiler im Dritten Reich murickzufuhren. Dime kennten damab ver-
\wiegend im pandierenden padsgogiichen und sotiapyehologiachen Beratungsfeld
ub facaen, Besondera curch Dreikars (2976) und seine Schule, durch Ackerinacht
(1982) P. Rom (991) and die ytereatlchen Tarechungen van Ancbacker (1982) ware
dre dle Theorie nd Method. der nidagngitchen und psychologischen Berakung sowie
dlr sath kogsito ul praxanatixh eventorten Kueemaple aut einen hohen Stand ge
bracht, fn Deurhlane it Kure eelmans (1983}ces bedeutends Anroger une Birderet
indivklvalaychologicher Kier ond Jugendichenpaychotherapie, Auch vle ver
ASeanvollenArbeiten vom Mire Spare (1972 1979 betemen me den Ragritver Za
{gong ae ie unbewfte Dymarncler New nde fren Jalen seiner Forschung
Jide Adtrr (12126) den snalveschen Aspebte seer Praxis und Theorie sowie den ver
honganen wnbswufen Tender ur yuychiochen Dynasalkinebs Benchuas gescherkt.
[Nach dem J. Welberieg ging os dam zunehmeral durum, seinen Eniderkungen tm Bereich
der Nouroscoprophlace breitere Wisksamlait z= vorechalfen, px Scnalon sod Volks
hockechuien, im der Lebserbidung, od n Beratongssclen
Die Fragen ,, Analytische oder kogaitive Paychotherapie in der Indt-
vidualpsychologie?” baie. ,,Spieltheeapie oder Elternberatung in der
Kindertberapie?” stellen sich fir die individualpsychologische Thera-
pie heute nicht mehr als Entweder-Oder. Eine solche Sicht verschiebt
die Problematik. Individualpsychologie ist nicht das eine oder das an-
dere. Dic Alternative stellt sich dem Peychotherapeuten wielmehr in
der Praxis bel des Waht seine Vorgehens je nach der Problemiage der
Ratsuchenden und dem institutionellen Rahmen seiner Arbeit,
Die Frage der Indikation zur Kur2- baw. mur analytisehen Psycho-
therapie sot hier nicht im cinzolnen entfaltet werden, Grundiexend
dazu sind Spiel (1967) und die Aufsitze von Sehmidi-Holfmann (1982,
1985) «und Hackenberg (1982). Wir widmen uneeren Beltrag 2u8-
schligBlich der analytischen Kinder- und Jugendllichenpeychatherapic.
Allgemein gelten arich fiir die Arbeit der indivalualpsychologischen
Kinder. und Jugendlichenpsychotherapettten dle Psychatherapiericht-
linien des Bundesausechusses der Arzte und Krankenkassen vor 27. 1
1976, die folgende Indikationen umfasscn: paychorenktive Stranger,
‘Angstneurosen, Phobien, neurotische Depressiorten; psychosomati-
sche Erkrankungen, Konwersions- und Organneurosen; vegetati
funktlonelle St@rungen mit yesicherter prychischer Atiologie; seelische
Behinderunyen und Eniwicklungestrongen im Zusammenhang nit
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frithkindlichen cmotionalen Mangelzustiinden, chronischen Erkran-
kurgen, schicksalhaften psychischen Traumen ust.
2, Allgemeine individualpsychologische Entwicklungslehre
Der einzelne Mensch entwickell sich wie die Menschheit in einem
standigen Dialog mit seiner natielichen und soziafen Umwelt, Zwei
angeborene Bereitschaften haben in diesem wechselwirkenden Proze®
der Gestaltung ung Anpassung an die Umwelt eine leitende Autgahe
inne. Adfet nannte sie anfangs ,2artlichkeitsbedtirinis” und ,.Aggres-
sionstrieh” (1908a, bj. Spater sah ec darin zwei anthropologische
Wirklrafte: die kosmische und soziale Verbundenheit (,Gemein-
schaftegefiifl") urd die ,.schdpferische Kraft”, welche sowohl den indi-
‘vidwell starren Lebensutil eines Menechen hervorbringt (,tehfindung”)
als auch die Evolution des Einzelnen wie der Menschheit zu cinem ha-
manen und.wabsheft vetninftigen Zustand hinfahren karen. frellich
‘ur in einer cealitateperechten sozialen und kusnischen, Verbundenheit
(Adjer:19332, bi,
‘Adler hat besondera auf die Bewegung der Psyche Wert gelegt. Er ist
der Ansicht, daft die individuclle lcbenskraft ein Tel] der allgentein-
menschlichen evolutiven Keaft ist. Der Saugling fst aul Cemcinschaft
angelegt, Thm fst von der ersten Stunde an eine Pahigheit mitgegsben,
Sie Aniavort der Mutter hervormurufen und sie dazu zu btingen, seinew,
Zartlichkeitshedirhtis2u enlsprechen, Im Dialog. zwischen Mutter tand
Kind omtwrickelt sich die ellgemeine Lebensfahigkeit und die Gemein-
schafts{thigkelt cines Menschen, Die Beziehung avylschen Matter und
Kind int die urepriingliche Quelle des Lebensmuts. Das angeborene Se-
meinschaftsgetihl jedes Menschen wird dazch die Mutter geweckt.
Adler sah in Ubereinstimmung ,,mit allen Seelenforschern” die Pri-
‘gung des Menschen dorch seine fetihkindliche Entwicklung fiir das
Schicksal des Erwachsenen; aber er betonte besonders die Bedeutung
der Mutter, und zwar fiir die Entfaltung und Pflege des ,,Gemein-
schaitegefthis”. Lind dies deshalb, wvei! sie (die Mutter) dem Kinde
das Hewufltsein der unbedingten VerliBlichkeit eines Menschen ver-
matielt. Fehit die Mutter oder verfehit sie ihre Rolle, sn witd es in unae-
ren Zeifldufen schwer sein, einen vollgaltigen Ersatz zu schaffen.”
(1928, 8. 77; ervorhebung, von Adler)
“Totapleser progpammalischr und sukuaftstcichygen Dewse wc die Epsicklung
des Kinces im enten Lebenaabschnitt von der tadvicualpeyehalgiarbeo Raredang lee
Ser nun algemeinakizien. Dic neveren Blanntaise # 3: von nalby 1972, Syke
{W988 1872, fads (1973), Wincor 1978), Mahler 2978, 1979} en esora day
Konzept vom leh ala Organtioraprore lenck 1978 1980) fogen seh nt de
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incividuatpsychologlsche Eximickdungakehne sin, wafer cke den Phinomenen beige:
risehten theeretichen Verlaehungen abgestriohen werden.
‘Ader wins ent beconderem Nachéruck auf ai Entetnbung des che hin. Ue nent die-
12 Prowl tar, de Stuetion dle, Gcburtstite der Perstnlichkei oder die ,tein-
ang” (926, §. 150 £). Dieses Bsignis Karmapondier dio, was Agher (1528) dle
‘Gebutt der Peyche" gemennk hat, Das weseeichte Kennzeichen cheer paychichen
Geburt et fr Ader die Zontiarung er Payche in ine Bichei. Die Melapher Gebnet
{ir ie lebtindung ot keivasnvgs 2g, seat iterprereaden Sen, Die eran
sgengen? Entiwickiung des Indeviccns wit serstanden alsin Suchen, im Auspenbieten
dar Maghchkeiten, Die angebotenen end gelernten Fahigkelten der Pupehe, 2-1 Intl
‘na, GatschinisPartalrehe, smaowotornche Fewigatten, pire Pevenlehkelts
Konsiomten usw, emcheintn noch in enech wngshundepan, batinhatien Zustand, Dat
Kind sucht nah sem Model asin rksintgen Verhallene, das iban g16hnalche Si
cherhet, Averkannung, Gaong, ainen Platz lm Lal usw. garentert Dice Mall
centickch ane den Faifiknonsageboten aac Kinde, vorab nach den Vorb
von Metter und Vater alr auch ach anderen Ltsgaran, die Vorbdchirater haben
éreeen.meht alta Mimchenfigunen ind religion Gesalen (29128: betonders
19260, 5, 137.
Das Modell des Kindes von eefner werdenden Persénlichkeit nennt
Adlar den ,,Prototyp” (1930, 8. 40). Das ist ein Begriff aus der Litera~
tunwtssenschaft, der Higuren bezeichnel, die durch cine bestimmmte
Handlung oder Lebenslinie dberindividuellen, modellhafien Rang ge
winnen (David und Goliath. Sokrates!, Mit der Wahl dieses Bogeifis
deutet Adler an; da es sich bei der Auspriigung des kinellichen Cha-
rakern ued Kebensetils, der Ichfincung’, nicht um die Obeenahme
oder Einverleibung von fteaxines der reslen Elternfiguren handelt, son-
deen wm ein echiipferisches, autonomes Verarbelten der Eindriicke
durch tas Kind, um wine echte, aus der Vergangenheit in die Zaikunft
sich enstreckende Ancignung. Ahnitche Piiinomene werden in anderen
Schulen unter den Konstrukten cor Introjektbildung, Identifizierang,
der Delegation, der Rolle, des Aultrags, des Skeipte mit jewells ande-
ren theoreticchen Erklrungen beschrieben,
Mit'dem Korizept der ,chfindung” Kang! das Prinzip zusammer
das der Individualpaychologic den Namen gibt {ndividuum = unteil
bar): die Bisheit der Persénlichkeit. Sia wird duech div Ichbildung ge
stiftet, und cwar durch die Avsrichtung aller Krafte des Individuums
auf ein Peretnlichkeitsziel, Man kénonte Adior interpretieren nit den
Worten: Das Kind ist van dem Augenblick an eine paychische Einhett,
de es'sich als etwas versteht und etsoas werden will. Dieses Peresulich-
\keitsideal wird natislich gepragt voa Zamiliiren und kaiturellen Wer'~
‘vorstellangin, Ailgeraein ist then die Richtung: hoher hinaus, Dic it
viduelle Kenkretion dieses ,Finale” scheint abet in einem Akt schipée-
rischer Wahl gefunden au werden, Tn unseren Therapien erschliefen
wir diese Prozease der Ichbildung svickblickend aus dem Vergleich der
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Kindheitserinnecungen, der Lebenslinie und der Bewegungen im
Traum, im Spiel und im ganzen Chertragungsverhalten in der The-
rapie
In den Rahmen dieser allgemeinen Entwicklungelehre reiht sich auch
sie individualpsycholngiache Neuroserlehte ein, Flr Aitlr ist die New
rove keine abnorme Geistes- oder Gemiitsverfassung. ,Bs finden sich
hhei den Nervésen keine voilkommen neuen Charakterziige, kein einai
ger Zug, der nicht auch beim Normalen nachzuweisen wire.” (19126,
$. 35 £.) Weder durch ihre Erscheinungen noch durch ihre Entstehung,
oder Warkwelse ist die Neurose von der ,.normal” hunktonierenden
Psyche verschieden. Adler betrachtet die in der Neurove wie im ,.ge-
sunden” Charakter auftretenden und beharrenden Ztige (Angste, Ge-
danken, Zwange, Stimmungen usw.) als ,paychieche Organe” (7912b,
$. 105), d.h. in Analogie zur phylogenclischen Organbildung als psy-
chophysische Hilfsmitiel zu ciner Leistung, die durch die Umucelt ge-
fordert ist, Insofern haben die reurotischen Symptome strukturelt den
gleichen Charakter wie andere persistierende Gedanken, Gefiihle und
Einstellungen, 2, B. religiise und politische Dogmen, Kriegsbegeiste-
rung, Kunstbesessenheit, Ritnale usw. Das Ma6 der. Gesundheit”
vied bestionmt dutch diz Plexibilitat und Realitatsgcrechtheit selcher
Stereotype.
3, Die Initialphase der Kinderpsychotherapie
3.1 Das Arbeitsbindnis
Dem ersten Anruf dee Ratsuchenden beira Peychotherapeuten oder
in der Beratungsstelle ist ein Hangerer Prozel vorausgegangen. Die Rat-
suchenden haben sich Vorstellungen dartiber gebildet, wie die in Aus-
sicht genommene Psychotherapie verlaufen soll und worin sie den E-
folg sehen wirden. Diese vorausliegenden Einstellungen heeirslussen
die Psychotherapie. Wabrscheinlich sind die Voreinstellungen der Rat
suchenden zur Psychotherapie nicht diesclben, die der Psychathera-
peut hat. So liegt schon inn Keim der Zusammenarbeit ein Konflikistoft
hareit, der au Spancungen fahren kann, wenn sich der Psychothera-
peut Ober seine Haltung nicht War isl trzw, sich nicht in geeigneter
Weise dlen Ratenchenden geyenitber auflert. Die Errichhang eines Ar-
beitsbiindnisses, in dem sich die Erwartungen der Rateuchender. und
dic Binstellungen des ‘Thorapeuten begegnen, ist also die Aufgabe der
ersten Gesprache.
Die Auimerksamkeit der Klicaten ist, wenn sie den Rat cines Psy-
chotherapeuten suchen, gefesselt von der Strung baw. dem Symptom
a
des Kindes, Im Wort , Strung” liegt schon eine Wertung dieser Proble-
matik. Bestimmie Verhaltensweisen, Gefible oder Auiterungen des
Kindes stdren, sel es den Familienfrieden oder die Vorstellungen von
der Gesundheit, dem Glick. dem Erfolg, dem Lebenswey, des Kindes.
Charakteristisch fir die Einstellang der Eltern sind Satze wie: ,Wir
wissen nicht mehy weiter. Wir haben es im guten und basen probiert.
Alle unsere Versuche sind bisher geschnitert.” Aus solchen AuBerun-
gen erkenot man die Intention: 1. eis Problem zu meistern und 2, die
Ailfe darin 20 suchen, da man das Symptom beseitigt, Das ist eine
durchaus vetstiindliche Erwartung der Eltern, Wenn der Therapeut den.
Psychotherapieaufizag fibernimmt, den hen die Eltern geben, scheint
dain irgendwic ein Heilungevorsprechun eu liogen. Aber worin sieht
er die ,,Hellung”, und wie sicht er den Wey dorthin? Ausgesprochen
oder nicht, der Satz .Sagea Sie uns, was wir tun sollen, oder tun Sie
etwas” Hegt ion Exstgespriich in der Luft. Von der ersten Stuade aa ist
demnach der Psychotherapeut gehalten, sein grundsatzliches Vor-
standnis von psychischer Erkrankung bzw. Gesundung vorzubringen.
Das Symptom ist ein unverstandeter scheiternder Heilungsversuch.
Es wind darum vom ‘Therapeuten yrndsétalich ,,positiv bewertel”,
Hine exste Erleichtarung iet far alle Betroffenen srhon gewonnen, wenn
sie im Kampf gegen das Symptom ,,vorlaufig” innehalten knnen, Das
isto ein ungewollter, aber willkommenet Nebeneffekt, wenn die Rat-
suchenden die Suche nach Hilfe an den Therapeuten ,abtreten, Doch
konnen sich die Ratstichenden bei einer solchen Haltung nicht griind-
lich und davevhaft umstellen, Psychotherapentische ,Wunderheilnn
gen” sind meistens ,,Ubertragungsheiungen”, d.h. sie halten aur 50
lange vor, wie der ,.Zauber" des Beraters wirkt
Die konkzete Gestaltung des Arbeiisbindnisses letlet sich aus den
Grundsétzen Adiers iiber die Beziehung des Beraters baw, Therapeuien
zum Khenten (2. B: 1913, 5. 58 ff., 19338, 5. 173 H.) ab: The Losung
der Probleme bew. die , Heilung” ist ganz allein Aufgabe und Erfolg
slr Ratsuchenden. Der Therapeut stellt sich als Mitarbeiter zur Verfa-
gong und {Bt sich ,,niemals ohne griindlichen Widerspruch und Anf-
klirung sine tbergeordnete Rolle zeweisen. etvwa als Autoriti, Lehter,
Vater, Erldser usw.”, Vielmche ,,nimmi die Aufdeckung des neuroti-
schon Lebensplanes ihren Portyang in einem freundschaftlichen, ange-
zivungenen Gespriich, bei dem es dunchwegs angezelgt ist, sich der
Fuhrung des Patienten 2u tuberlassen” (1913, 5. 60; Hervocheburg von
Adler). Grundsatalich gill diese Hallung auch in der Kurztherapic, ja
sogar in der Beratung, die ja keine Ratschlage erteilen will, sondern ein
gemeinsames Sich-Beraton oder Rat-Hlalten ist. in dem unter der Mitar-
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beit des Bera ters don Klienten Losungswege sichtbar werden. Erst recht
silt diese Haltung in der aralytischen Kinder- und Jugendlichenpsy-
chotherapie, atich in der damit verbundenen Elternarbeit.
‘Um diese Grundhaltung den Ratsuchenden verstiindlich zu machen,
brauchen wir aber keine weitschweifigen Erkldrungen. Meistens ge-
niigt es am Anfang, die Ratsuchenden za einer wobllwollenden, for-
schenden Haltung dem Symptom bew. Problem gegeniiber zu erun-
tem. Aaigeschlossenheit und Bereilschaft zum Mitgchen Gbettragen
sich meistens schnell auf die Klienten, wad ihnen werden rasch Zusam-
menhinge verstindlich, die sie bisher zwar gekannt, aber nichl beach-
tet hatten, Der Therapeut stellt sich vor als Bepleiter auf der Suche
nach den ,,Griinden”, aus denen das Kind auffailig baw. krank gewnr-
den ist, Dariiber haben die Eltern immer irc eigenen Anaichten, und
sie fihlen sich ermutigt, sie auszusprechen. So enthtillen sich viele Er-
kenntnisse ber die psychische und familiare Bedeutsamkeit des Sym-
ptoms ohne Abfragen wie vor: selbst
To den meisten Fallen erhalten wie durch einen Anruf oder die Uber-
weisung eine erste Votinformation aber die Lebenssituation und Pro-
blemlage der Ratsuchenden. Bei der ersten Terminvereinbarunig teilen
wir den Grandsatz wit, es méchlen alle zum Erstgesprich kommen,
die von dea Problem betrofien sind aber wir berlossen es der Familie
nr enischciden, wer tatsdchlich in die Sprachstunde mitgeht. In dieser
Regelung spiegelt sich unsere Grundeinstellung: Schon und gerade in
dem Arrangement, das die Ratsuchenden fiir das Erstgespriich treffen,
verbergen sich die familiendynamische Konstellation sowie die spezifi-
sche Sicht und Wertung ces vorgestellten Problems, Die darin liegen-
den Fingerzeige sollen nicht durch ein technisches Konaept des Thera-
ppeuton verwischt werden.
Wir rechnen von Anfang an mit cinem unbewudten Offenbarungs-
‘willen und einem gleichstarken Widerstand des Patienten and der Far
milie, Wir arbeiten nicht gegen den Widerstand, sondern mit Versiaind-
nis fitr dessen Sinn, damit sich der Offenbarongswunsch des Rafsu-
chenden entfalten kann. Die Ratsuchenden wollen die Situation be-
stinmen, damit sie sich nicht ausgelicfert filhlen. auch wenn sie sich
passiv und erwartungsvall geben. Dal sie die Oberhand behalten wol-
en und wie sie das arrangieren, ist fir den Therapeuten nicht cine 20
meisternde Widrigheit, sondern Stoff fiir weiterfuhrende diagnostische
Fragen.
Nehraen wir als ein mBgliches Beispiel itir die Beobachtung in der er
sten Stunde die Frage: Wer erscheint und wer bleibt fern? Wir vers
chen aus der Stimnmuny und den offenen uder versteckien Mittedlungen
o
‘herayuwithiygn, was mit dem Etscheinen oder Fortbtcibea eines Fatni-
JoniigtiSdemausgedriickt wird. Hier eine unvollstandige Liste van
_miglichen Beobachtungsfcagen, nur beispielsweise auf den Vater bezo-
ste der Vater etvea Uber allem erhaben, so daft er nicht
Bamugel Pachter er, daG im Familiengesprich ein wunder Punkt der
‘Bedlghtly ag seiner Frau angesprochen werden kénnte? Muli die An
eatldyrig:etged vor ihm vesheimlichi werden, weil er sanst polternd
de Brstutd Kind heraicht? Oder muli er dabei sein, weil er sich
pe Attgehdh lassen will oder weil er firchtet, daB etwas itber seinen
inbieg pnts hieden wird? Ist ex eine Stitze fir vin were Fame
‘oder dessen Sprachrohr? Und so weiter. Ausgewertet vrer-
aoe sélche. Bragen erst, wenn im Anschluft an die Anamnese und die
seasfin'Splalaiinden dee Klncles die familien- und peychodyaamischen
‘igh thes gebildet werden.
"Dé beavidaalpeychologie sah von Anfang an dic Analyse der Fam
Lidakesnigellaton als einen ihrer origindren Beftrége vur Psychotherapie
‘Unt Bertha, an (Ansbacher 1982, 8, 339 fi.), Die systemische Fanti
Tigitthiedppie bit weitere Aspekte der Familienkanstellation herausgear-
‘ogre und" yeteigt, wic man sie auflésen baw. belehen kann (Richter
ADAP HIDE? SElvini Palucrolt 1977), Wie bentitzan gern salche Betrach-
tindpuisin'ind Techniken (dazu Heisterkamp 1985b); aber die ara
dyfigehe individualpsychologische Kindertherapie ist keine Familien-
thetapiig rf ;e¥gentlichen Sine. Unser Patient ist nicht das System, son-
deigdasp8chiuch erkrankle uder belastete eixzclne Kind. Nieses wird
alleedingsiintmper im familitren Zusammenhang gesehen, und dic be-
sibitgnde Therapie der anderen Familienmitglieder spiel eine wichtige
Rolle, jasie fern sogar ther Sirecken in dor Therapie in den Vordes-
‘grysiil ficken: Uberlegungen hiercu werden spiter im Abschnitt uber
‘die bebleltelide Therapie der Familiersnitalieder mitgeteilt.
j-inadékfifislphase der Therapie gilt es, ein Arbeitsbandialy mit dem
‘al beiiiet ‘Syihptomen letdenden Kind und mit der Familie zu schlie-
Heri: Dghdt hghen wir tast immer das Gefithl, daft der vorgestellte Pa-
be SHENLAY einzige oder wirklich neurotisierende Herd in der Fatni-
‘Metinf licks gilt zu beachten, das in dieser Verschiebung cin Wider-
stiindgpHingtten von selten der Familie vorliegt, das respektiert wer-
Gur:inuS! Wenn, wle wir meinen, sich die Eltern hinter dem Symptom
‘eiges'Tigndds, verstecken, wird ihre Angst su gro sin, dais sie dies
‘Vorschiebeay tows anderen adtig haben. Gegen die Widerstiinde der
~Patlegtef igt:der Therapeut machtlos. Aber will ec denn die Macht?
Aub etesith denn etwas vinfailen lassen, um die Widerstinde im In-
‘efasey disPgtienten” zu unterlaufen? Auch unsere eigene Tendenz, lie-
ber zunichst die Eltern, einen Bruder oder die Familie behandein zu
wollen. und nicht das vorgestellte Kind, beargwilnen wir als Wider~
stand oder Machtwillen im ‘Therapouten.
3.2 Biographische Anummese tind ihre Auswertung
Der erste Kontakt mit dem Kind und seiner Familie dient dem allge-
racinen Kennenleynen, der Ubetsicht Gber die Problematik und dem
Saromela erster Bindrlicke. Danach treten wir in die diagnostische Ar-
beit cin. Sie soll uns elfen, die nevrotische Entwicklung. die der
Syropiamatik zugrunde liegt, und die neurotische Bewegungslinie
beim Kind aufzudecken, Diese Bewegurgsiinie erarbciten wir aus dem,
was wir in der Anamnese mit den Beriehungspetsonen und in den er-
sten Sitzungen mit dem Kind baw. dem Jugendlichen erfahren, Zur
‘Vertlefung der Eindriicke im Erslgesprich, bei dem wir méglichst viele
Farailienangehdrige sehen uvichten. beschSitigen wir une nun aca be-
sten mit den cinzelnen Fanilienmitgliedern getrennt.
Die Anamnese, beim Kind stets eine Prenidanamnese, belm Jurgens
chen cine Migchform aus Btemd- und Eigenanamnese, gibt uns cine
Rethe von sachlichen Informationen, Diese Daten bilden fdr uns efnen,
Rahrren, in dem sich nach und nach dic Situation der Familie heute
und frither zeigt. Wir versuchen, die Welt zu erfassen, in der das Kind
ebt und gelebt hal, géschen durch die Augen des Berichterstatters. Wit
leer. dabei die Binstellangen der Eltern zum Kind kennen. Da diese
Binstellungen, vor allem die unbewuBten, bel Vater und Matter off
sehr unterschiedlich sind, ist es gut, mit dhnen getrennte Gespriche 21
fahren, wenn sich dag ohne Schwietlgkeiten machen 18Ft,
Ich exfalve etwas itber die Wiinsche, Erwartungen, Weftrchtungen
und Zicle, die Vater und Mutter mil dem Kind verbinden, Das ist ndtig
nur Boantwortung der Frage: Was bedcutet das Kind fir die Mutter,
far den Vater? Welchen Platz raumen sie ihm in threm Leben ein? Wel.
che Rolle gestehen sic then zu, welche unbewullten Auftrige geben sie
sent
Bin Beispiel:
Fine Mutter erathle uns. dn se thee Berfittighet wieder aufgenumoren bat, als das
Kind dei Monate af var. Sic begrindet diesen Schvite: Das Kind braueht atic ja
rich, Ba hat ohehin viel peschlfer, Ich habe es kaum hemerkt.” Diese Acsange gibt
suo le Jfveiations Das Kind wurde im dite Mooat beeets femderMiege Bocas
sen, Wit ecalren leichoriti, dat dle Muter die Ervartuag an as Kind sutte, ge
broucht mu werden, Tae Kind etice diene Erwarrungen randehatei2ht, Ent ls e: wit
vier Jalen tree nach ect aprach, atte die Matter 2u arbeter anf asd kiomencrte
eh anfophrungseoll um die Bebonlong dieses Kites, das se oun brouchte
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Description:gxmg de_s_ Menschen durch seine Erühkindlich.e Entwicklung für das.
Schicksal 'cies Erwachsenen; aber er betonte bes:rmders die Bedeutung der
Mutter‚_