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Sören Kierkegaard
Existenz und Freiheit
von
Walter R. Dietz
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Textfassung: Buchversion (1993) auf Basis der Dissertation,
unter Berücksichtigung der vom Verlag beigefügten
"Corrigenda" (1994)
Erscheinungsort: Frankfurt/Main
Verlag: A. Hain
Reihe: athenäum monografien Philosophie Bd. 267
Erscheinungsjahr: 1993
ISBN 3-445-09248-6
Textbasis: Dissertation
zugleich Diss. München 1990 (mdl. Prüfung Sommersemester 1991)
Universität München, Evang.-Theol. Fakultät
Referent: Prof. Dr. W. Pannenberg DD
Korreferent: Prof. Dr.T. Rendtorff
(Diss.-titel: Existenz und Freiheit.
Die Freiheitsthematik bei S. Kierkegaard)
Zum Autor:
Dr. Walter R. Dietz, Jahrgang 1955, studierte 1975-81 Evangelische
Theologie und Philosophie; 1982-87 im kirchlichen Dienst; von 1987
bis 1994 Assistent bei Professor W. Pannenberg an der Universität
München.
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Vorwort
Dieses Buch unternimmt den Versuch einer Rekonstruktion der Freiheitsthematik bei
S. KIERKEGAARD, ausgehend von der Allmachtskonzeption und sich konzentrierend auf seinen
Begriff der Angst als "in sich verstrickte Freiheit". Angst ist demnach kein bloßes Gefühl,
sondern Indiz der spezifischen Geiststruktur des Menschen, dem es um sich selber geht. Von
dieser Analyse "real existierender" Freiheit her kommt die Erbsünde in den Blick: Menschliche
Freiheit kann nicht unbefangen mit sich selber anfangen, sondern findet sich in bestimmter
Weise vor, nämlich involviert in die Bedingungen eigener Leibhaftigkeit, die Geschichte und
den Gesamtkomplex Menschheit. Die Eigenheit menschlicher Freiheit wird darin deutlich, daß
sie in sich verstrickt ist. So erweist sich die Selbstwerdung des Menschen aufgrund der
prekären Konstitution seiner Freiheit als gefährdet: einerseits durch den Eigenanspruch des
Leiblichen und seiner Triebhaftigkeit, andererseits durch die Tendenz der Freiheit, ins
Phantastische zu flüchten und sich darin zu verflüchtigen.
Die Fehlformen der Selbstverwirklichung begreift KIERKEGAARD als "Sünde", also mit einem
eminent theologischen Begriff. Grund dieser Einschätzung ist die konsequente Auffassung der
Freiheit im Horizont ihres "vor Gott" Seins. Daß die Freiheit sich in ihrer spezifischen Struktur
(als "Synthese") und Zeitlichkeit vor Gott ereignet, markiert das Wesentliche des
KIERKEGAARDSCHEN Menschenbildes. Dessen Pointe liegt also durchaus nicht in einem
unendlichen Qualitätsunterschied zu Gott, sondern im elementaren und unabweislichen
Bezogensein der Freiheit auf ihn. Der Mensch, auf der Suche nach sich selbst, befindet sich in
einem effektiv unaufhebbaren Verhältnis zu Gott. Daß darin die spezifische Signatur
menschlicher Freiheit nach KIERKEGAARD liegt, will dieses Buch zeigen.
Die hier im Druck (ergänzt und bibliographisch aktualisiert) vorliegende Abhandlung über
die Freiheitsthematik bei S. KIERKEGAARD wurde 1991 von der Evang. Theol. Fakultät der
Universität München als Dissertation angenommen. Motiviert wurde sie durch mein Interesse
an der Philosophie des Dänen, aber auch durch mein Unbehagen gegenüber dem Großteil der
vorhandenen Sekundärliteratur über ihn. Seine Entstehung verdankt dieses Buch meinem
verehrten Lehrer, Prof. Dr. WOLFHART PANNENBERG DD, der es gefördert und kritisch begleitet
hat. Als sein Assistent ergab sich für mich seit 1987 die Chance zum fruchtbaren Dialog mit
Studenten und Dozenten. Daß sich somit nach einigen Jahren des kirchlichen Dienstes wider
Erwarten die Gelegenheit bot, diese Arbeit zu vollenden, begründet meinen besonderen Dank
an Prof. PANNENBERG. Herrn Prof. Dr. TRUTZ RENDTORFF danke ich für die Erstellung des
Zweitgutachtens, der Bayerischen Landeskirche (ELKB) und der VELKD für die Gewährung
großzügiger Druckkostenzuschüsse.
Für Korrekturen gilt mein Dank Herrn OLAF REINMUTH, für die Erstellung der Register Fräulein
AGNES OTTMANN. Zur Überprüfung eigener Übersetzungen aus dem Dänischen hat mir
freundlicherweise Herr stud. theol. THOMAS LOTZ Varianten zu einigen zentralen Passagen zur
Verfügung gestellt. Nicht zuletzt gilt mein Dank den theologischen und philosophischen
Lehrern, die mich zu dieser Arbeit inspiriert und ermutigt haben.
Für Anregungen im Blick auf KIERKEGAARD bin ich u.a. Frau Prof. Dr. A. PIEPER (Basel), Herrn
Prof. Dr. G. BECKER (Hongkong), Prof. Dr. E. JÜNGEL (Tübingen) und besonders Prof. Dr. H.
DEUSER (Wuppertal) zu Dank verpflichtet.
Walter Dietz, im Februar 1992
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Es kommt darauf an, meine Bestimmung zu verstehen,
zu sehen, was die Gottheit eigentlich will,
daß ich tun soll; es gilt, eine Wahrheit zu finden,
die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden,
für die ich leben und sterben will. ...
Was nützte es mir, daß die Wahrheit kalt und nackt
vor mir stünde, gleichgültig dagegen, ob ich sie
anerkennte oder nicht ...?
Worauf es ankommt, ist nicht die Masse von Erkenntnissen,
sondern das innere Handeln des Menschen. ...
Es kommt mir vor, als hätte ich nicht aus dem Becher der
Weisheit getrunken, sondern sei in ihn hineingefallen. ...
Ich will nun versuchen, den Blick ruhig auf mich selbst
zu heften, und will beginnen, innerlich zu handeln;
denn nur dadurch werde ich fähig sein, gleich wie das Kind
sich bei seiner ersten bewußt vorgenommenen Handlung "ich"
nennt, mich in tieferer Bedeutung "ich" zu nennen. ...
So sei denn das Los geworfen - ich gehe über den Rubikon!
Feriennotizen aus dem Tagebuch des
Theologiestudenten (1835, Pap I A 75)
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Inhalt
Vorwort
Motto
I. Einleitung .................................................. 1
A) Zur Thematisierung von Freiheit ............................. 1
B) Zur Konzeption dieser Arbeit ................................ 8
C) Kierkegaard ............................................... 19
II. Einzelanalysen: Die Freiheitsthematik im Werk S. KIERKEGAARDS
Kapitel 1: Allmacht Gottes und Freiheit des Menschen. Die Allmacht
Gottes als Ermöglichungsgrund kreatürlicher Freiheit ......... 58
Kapitel 2: Die Freiheitsthematik in der "Krankheit zum Tode" .. 90
Kapitel 3: Die Freiheitsthematik beim jungen Kierkegaard:
"Johannes Climacus oder De omnibus dubitandum est" ........... 157
Kapitel 4: Die Kritik von Ironie als Wesen der Freiheit ...... 188
Kapitel 5: Die Freiheitsthematik bei Victor Eremita (E/O):
Die Leitmotive und Existenzweisen (Stadien) der Freiheit ..... 205
Kapitel 6: Die Freiheitsthematik in "Furcht und Zittern" und
"Die Wiederholung"
Wiederholung als künftige Redintegration der Freiheit ........ 238
Kapitel 7: Freiheit im Kontext von Erbsünde:
Die Freiheitsthematik im "Begriff Angst" .......... 253
Kapitel 8: Freiheit und Sterblichkeit: Die Freiheit zum Tode . 362
Kapitel 9: Freiheit und Geschichte:
Die Thematisierung der Freiheit bei Climacus (PhBr) 375
III. Schluß
A) Fazit ..................................................... 414
B) Thesen ................................................... 418
C) Grenzanzeigen ............................................. 422
Anhang
Literaturverzeichnis ......................................... 423
(1) Quellen .................................................. 423
(2) Sekundärliteratur ........................................ 431
Gliederung (Inhaltsverzeichnis) ............................. 449
Register (Namen / Schriftzitate / Papirer) .................. 459
Abkürzungen .................................................. 470
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I. Einleitung
A) Zur Thematisierung von Freiheit
Der Begriff Freiheit erweist sich im modernen Denken aufgrund seiner schillernden
Vieldeutigkeit als fragwürdig und konkretisierungsbedürftig.1 Er hat hier eine Zuspitzung und
Verschärfung erfahren, die sich auch als Verengung und Beschränkung begreifen läßt: Zum
einen durch die Betonung eines individualistischen Freiheitsverständnisses, zum andern durch
seine Beziehung auf den Emanzipationsgedanken, der die Deutung von Freiheit als Befreiung
von jeglicher Fremdbestimmung in den Vordergrund rückte.
Von den Geisteswissenschaften wurde für die Moderne eine "Krise im Bewußtsein der
Freiheit" (G. EBELING2; vgl. OEING-HANHOFF3) konstatiert und auf eine "Krise der
Selbstgewißheit des Menschen" (H. THIELICKE)4 zurückgeführt. KIERKEGAARD thematisiert
diese Krise aufgrund eines Freiheitsbegriffs, der sich seinerseits als streitbar erwiesen hat. Aber
auch abgesehen von jenem Dänen kann "Freiheit" heute nur noch als strittige thematisiert
werden. Die christliche Freiheit macht zwar die "thematische Mitte" der gegenwärtigen
Theologie aus; diese Mitte ist jedoch "nur als umstrittene da" (E. JÜNGEL).5 Die
Gemeinsamkeit reduziert sich somit auf einen bestimmten Problemhorizont, der durch das
christliche, insbesondere das reformatorische Erbe geprägt ist.
Die zentrale Bedeutung des Freiheitsbegriffs nicht nur für das Christentum, sondern auch für
die neuzeitliche Philosophie ist kaum bestreitbar. Das Werk des dänischen Schriftstellers
SÖREN KIERKEGAARD (1813-55) ist beiden zuzuordnen. Ihm geht es um eine Thematisierung
der Freiheit vom christlichen Gottesgedanken her ebenso wie um eine kritische Aufnahme der
Resultate der seinerzeit neueren Philosophie. KANT und FICHTE, HEGEL und SCHELLING haben
dem Freiheitsbegriff eine zentrale Stellung eingeräumt6 - ein spätestens im neuzeitlichen
1) HEGEL betont zurecht, daß der Freiheitsbegriff einer der vieldeutigsten und mißverständlichsten Begriffe
überhaupt ist (Enz. 1830 § 482). Abstrakt gefaßt ist "Freiheit " ein "unendlich vieldeutiges Wort", das,
proklamiert als "das Höchste", "unendlich viele Mißverständnisse, Verwirrungen, Irrtümer mit sich führt ..."
(Die Vernunft in der Geschichte, hg. v. J. HOFFMEISTER [LASSON 1917], Hamburg 1955, S.63).
2) G. EBELING, Lutherstudien Bd.I, Tübingen 1971, S.325 vgl.314
3) L. OEING-HANHOFF in: J. SIMON (Hg.), Freiheit (1977) S.57
4) H. THIELICKE, Mensch sein - Mensch werden. Entwurf einer christlichen Anthropologie, München 19782
(76), S.40 vgl. 47; als Identitätskrise vgl. S.51ff
5) E. JÜNGEL, Zur Freiheit eines Christenmenschen. Eine Erinnerung an Luthers Schrift, München (KT 30)
1978, S.16
6) HEGEL identifiziert die Freiheit mit dem Begriff, vgl. Enzyklopädie [1830] §§ 158ff (vgl. § 382: "Das
Wesen des Geistes ist ... formell die Freiheit, die absolute Negativität des Begriffes als Identität mit sich."). Im
Gegensatz zu KIERKEGAARD begreift er Freiheit als ursprüngliche Charakteristik des Begriffs, in diesem
aufgehoben und wesentlich realisiert. Der Däne hingegen bezieht Freiheit auf die zeitliche Verwirklichung
der Existenz von ihrer Möglichkeit her. Beide Freiheitsbegriffe (HEGELS logischer und KIERKEGAARDS
existenzdialektischer) sind durchaus verschieden. Daß Freiheit stets auf eine ihr vorgängige Notwendigkeit
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Denken nicht mehr außergewöhnlicher Vorgang. Daß die systematische Philosophie des Dt.
Idealismus zurecht beanspruchen kann, von Gehalt und Gestalt her im eminenten Sinne
Philosophie der Freiheit zu sein, ist nach KIERKEGAARD allerdings alles andere als
selbstverständlich. Der Hegelianismus hat (wenngleich gegen die Intention HEGELS) Formen
des totalitären Denkens befördert, die es nötig machen, das Freiheitskonzept bei ihm selber
kritisch zu hinterfragen. Dabei soll in dieser Arbeit versucht werden, auch der Position
HEGELS gerecht zu werden und sie von ihren eigenen Voraussetzungen her ins rechte Licht zu
rücken. Das gilt freilich ebenso in bezug auf KIERKEGAARD7, der auf die eigenen
Voraussetzungen seines Denkens hin kritisch zu befragen und dabei zunächst einmal
unabhängig von seiner (nicht weniger als bei HEGEL problematischen!) Wirkungsgeschichte zu
befragen ist. Diese zeigt dann auch Akzentsetzungen in seinem Freiheitsverständnis auf, die
zur Kritik führen müssen, wenngleich es KIERKEGAARD selbst auf der ganzen Linie seines
schriftstellerischen Werkes um eine positive Rehabilitierung des Freiheitsbegriffs im Kontext
christlicher Anthropologie gegangen ist. Diese begreift den Menschen wesentlich als Geschöpf
Gottes (d.h. Freiheit bezogen auf dessen Allmacht) und als Sünder (d.h. Freiheit bezogen auf
die Möglichkeit ihrer Selbstverfehlung). Diese Intention KIERKEGAARDS setzt den Gedanken
voraus, daß Freiheit im christlichen Sinn nur dann und nur so zur Geltung gebracht werden
kann, daß dabei der Mensch im Kontext seiner Sünde und seiner geschichtlich sich
fortsetzenden Sündigkeit ("Erbsünde") im Blick ist.
Kritik - nicht nur - an HEGEL
Auf dieser Basis (insbesondere in BA und KzT) entwickelt der Däne sein Freiheitsverständnis,
und zwar in verschiedenen geistigen Frontstellungen: "korrektiv" nicht nur gegen den
Hegelianismus, sondern auch gegen andere ihm problematisch erscheinende
Freiheitskonzeptionen. Überzeugender als seine (durchaus nicht immer gerechte)8 Kritik gegen
HEGEL wirkt seine Auseinandersetzung mit dem romantischen Freiheitsideal, aber auch die
proleptische mit dem Denktypus von NIETZSCHE und SARTRE; sowie mit dem modernen
bezogen ist, markiert dabei eine bloß formelle Übereinstimmung.
Der Ursprung des Freiheitsbegriffs liegt im Christentum: "Diese Idee ist durch das Christentum in die Welt
gekommen, nach welchem das Individuum als solches einen unendlichen Wert hat, indem es Gegenstand und
Zweck der Liebe Gottes ..., [d.h.] an sich zur höchsten Freiheit bestimmt ist." (Ein gerade auch für
KIERKEGAARD maßgeblicher Gedanke. In seinem Sprachgebrauch: Es geht in der Freiheit des Menschen
darum, sich [als Geist] absolut zum Absoluten zu verhalten.)
7) Diese Prämisse ist keineswegs Konsens in der KIERKEGAARD-Forschung. Vielmehr wird sie nur von einem
quantitativ vernachlässigbaren Teil verfolgt. Dazu gehört insbesondere die beachtenswerte Darstellung von A.
HÜGLI (1973). [Die Zitation der Literatur erfolgt bei KIERKEGAARD nach Siglen, bei der sekundären nach
Autor und Erscheinungsjahr.]
8) Wer war HEGEL wirklich? Der "legitime Vollender des Christentums" - jedenfalls aus philosophischer Sicht
(so W. SCHULZ 1957, zit. nach SCHREY WdF 1971 S.322)? Wenn ja, dann müßte sich jene Kritik nicht nur als
illegitim erweisen, sondern auch umkehren gegen ihren Autor. - Offensichtlich haben KIERKEGAARD und
HEGEL die vollendete Gestalt des Christlichen verschieden ausgewiesen. Sie können daher - trotz vielfältiger
Gemeinsamkeiten im "Hintergrund" - nicht gleichermaßen Recht haben, sofern sich das in Wahrheit
"Christliche" begrifflich konsistent fassen läßt. Wenn sie einander kritisieren (als begriffsverflüchtigende
Spekulation respektive als unglückliches Bewußtsein), wird das vermutlich nicht nur auf falscher Gegner-
bzw. Selbstinterpretation beruhen.
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Totalitarismus, dem es um eine Nivellierung (Gleichschaltung) individueller Freiheit geht;
sowie mit dem "Spießbürgertum", der s.E. am meisten verbreiteten und am wenigsten
reflektierten Freiheitskonzeption der Moderne. Dem schließt sich die Kritik am "Herdentier"
Mensch an, d.h. an Freiheitskonzeptionen, die auf einem verklärten Gemeinschaftsgefühl (das
dem Einzelnen die Aufgabe des Selbstwerdens abnimmt) und dem Bewußtsein der Stärke in
der Masse beruhen. Zudem polemisiert er gegen einen Menschentyp, der seine Freiheit in der
Akkumulation endlichen Wissens gleichsam erstickt und so die Dimension des Ewigen aus
dem Blick verliert.9 Ferner setzt ab 1848 massiv seine polemische Kritik an einem in falschem
Selbstverständnis erstarrten Gewohnheitschristentum ein, das die Dimension der Nachfolge
und des Leidens weithin aus dem Blick verloren hat. - An all diesen Fronten gewinnt
KIERKEGAARD sein eigenes, eminent christlich geprägtes Verständnis von Freiheit. Die
polemische Seite kann daher bei der Analyse von KIERKEGAARDS Freiheitsverständnis nicht
ausgeklammert werden. Immerhin soll ja von der These ausgegangen werden, daß
KIERKEGAARD seinen Freiheitsbegriff gerade im bewußten Gegensatz zu den zeitgemäßen
Freiheitskonzeptionen (Idealismus; Frühmarxismus; Romantik, Vorformen der Geisteshaltung
NIETZSCHES; Spießbürgertum; Nominalchristentum) gewonnen hat.
Während diese kritischen Erörterungen sich selbst mißverstehender Freiheit weithin
durchschlagend wirken, erscheint seine Kritik an HEGEL nicht immer treffend, geschweige
denn gerecht. Nun hat es HEGEL vielleicht auch gar nicht nötig, gegen KIERKEGAARDS
frontalen "Angriff" verteidigt zu werden (so der ADORNO-Schüler SCHWEPPENHÄUSER
1967)10. Jedoch muß die Frage gestellt werden, ob KIERKEGAARDS Kritik HEGEL wirklich
trifft - oder nur einen spinozistisch mißverstandenen HEGEL, nur den Hegelianismus, nur
bestimmte dänische Rechtshegelianer, nur einen reduziert verstandenen HEGEL oder gar nur
eine weithin fiktive Karikatur HEGELS. Wenn letzteres zuträfe, könnte man zynisch folgern,
daß es nur recht und billig sei, KIERKEGAARD seinerseits zu karikieren, z.B. als Propheten
irrationaler Paradoxie bzw. biographisch als narzistischen Neurotiker oder als zwanghaft
9) In bezug auf diese kritische Seite (endliche Verständigkeit, bloße Wissensakkumulation) oder auch seine
Kritik an der Romantik (das Ideal frei schwebender Bindungslosigkeit) wird deutlich, daß KIERKEGAARD
diesbezüglich mit HEGEL in analoger Weise gegen die gleichen Symptome ankämpft. Daraus folgt, daß eine
reduktive Subsumption seiner Kritik auf das "Erzfeindbild" HEGEL den Sachverhalt verfehlt.
Zum Verhältnis zu KIERKEGAARD-HEGEL vgl. die Zusammenstellung bei THULSTRUP (1969). Unter den etwas
neueren Arbeiten sind die (durchaus verschiedenartigen) von KL. SCHÄFER (1968), A. HÜGLI (1973) und J.
RINGLEBEN (1977/83) hervorzuheben; vgl. dazu die forschungsgeschichtliche Darstellung von H. DEUSER
(1985).
10) Die Grundthese H. SCHWEPPENHÄUSERS, KIERKEGAARD sei "vordialektisch" geworden, d.h. hinter die
Dialektik HEGELS zurückgefallen (12) bzw. er vertrete eine "undialektische" (?)(20) bzw. "versteinerte
Dialektik" (155), ist unzutreffend, wie insbesondere W. SCHULZ, M. THEUNISSEN und J. RINGLEBEN gezeigt
haben (und schon HEINRICH BARTH 1926 [S.201f] zurecht betont: "Kierkegaard ist durch die Schule Hegels
gegangen. Antithese ist auch für ihn Ausdruck dialektischen Zusammenhanges"). - Motiv der in den Kreis der
Frankfurter Schule gehörigen Habilitationsschrift SCHWEPPENHÄUSERS ist eine marxistische Aversion gegen
KIERKEGAARDS - angeblich mit dem Allgemeinen unvermittelbaren - Einzelnen. Daß man hier Kritik üben
und HEGEL - so es denn sein muß - gegen KIERKEGAARD "verteidigen" kann, ist die zweifellos richtige
Prämisse SCHWEPPENHÄUSERS. Die Frage ist nur, ob er damit a) KIERKEGAARD gerecht wird (THULSTRUP 1969,
S.175: "ohne sich ... die Mühe zu machen, Kierkegaard zu studieren"; P. FONK [1990 Anm.9 S.388]
bemängelt zurecht, "daß Kierkegaard selbst an den Rand der Untersuchung gedrängt wird"), und b) wirklich
HEGEL angemessen verteidigt. Beides ist durchaus fraglich. Zur Kritik von SCHWEPPENHÄUSERS
"Feuerbachianismus" und seiner "Fortsetzung ADORNOS mit verschärften Mitteln" vgl. auch KL.-M. KODALLE
(1988) S.215-222.
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depressiven Menschen.11 Die Frage ist nur, ob sich der mit Karikaturen begnügen will, der im
Ernst an der Wahrheit interessiert ist. Im Gegensatz zu mancher ihrer Epigonen und Exegeten
treffen sich beide, KIERKEGAARD und HEGEL, in ihrem Grundinteresse an Wahrheit und
Redlichkeit12.
Kritik am System
In seiner Kritik am Freiheitskonzept der Philosophie des Dt. Idealismus ist die Kritik am
"System" hervorzuheben: Freiheit, so KIERKEGAARD, impliziert eine Zukunftsoffenheit, die
weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft im System faßbar ist. Das System ist nur
als Denkprojekt möglich - als vollendeter Gedanke jedoch nur für Gott selbst. KIERKEGAARD
betont, daß der (spekulative) Denker ein Existierender bleibt, dabei bezogen auf eine
prinzipiell offene Zukunft und zu messen am Anspruch, in der Wirklichkeit seiner Existenz
der eigenen Erkenntnis gemäß zu leben. Daher ist KIERKEGAARDS Einspruch gegen das
System als ein Einspruch der Freiheit aufzufassen, die sich leidenschaftlich als das begreift,
was in ihrem Vollzug jede in sich geschlossene (und in diesem Sinn absolute) Darstellung
transzendiert. So bringt er sein Freiheitskonzept polemisch gegen das System, genauer: gegen
eine bestimmte Gestalt des (abgeschlossenen) Systems zur Geltung.13
11) Solche Karikaturen begnügen sich damit, das Schiefe, Unglückliche und Selbstquälerische an
KIERKEGAARD aufzuzeigen. Ihre Anfangsdiagnose zieht sich durch alles hindurch und steht zugleich am
Ende: S.K. war geisteskrank. So endet die Auseinandersetzung, bevor sie begonnen hat. (Sogar K. JASPERS,
der die sachliche Auseinandersetzung als Epigone KIERKEGAARDS allerdings nicht gescheut hat, kommt 1955
zu dem Urteil, KIERKEGAARD sei "geisteskrank" gewesen, vgl. 1968 S.316 cf.319).
12) Vgl. zu KIERKEGAARDS am Ende antistaatskirchlich-polemischer Ausrichtung dieses Interesses GW 34,48
(31.3.55): "Was ich will? Ganz einfach: Ich will Redlichkeit."
13) Es ist nicht Aufgabe dieser Darstellung, zu prüfen, inwiefern HEGELS System (insbesondere die "Logik")
als ein in sich geschlossenes aufzufassen ist. Vgl. dazu L. BR. PUNTEL: Darstellung, Methode und Struktur.
Untersuchungen zur Einheit der systematischen Philosophie G.W.F. Hegels, Bonn 1973 (Hegel-Studien
Bh.10), insbes. S.335-346. PUNTEL unterscheidet (S.336-339) verschiedene Auffassungen der
"Abgeschlossenheit des Denkens":
a) Die Geschlossenheit (Autarkie) des Denkens in sich (d.h. der Logik im abstrakten Gegenüber zum
Realsystem der Philosophie)
b) Die Geschlossenheit des Systemganzen (Logik + Realphilos.)
c) Der Anspruch eines "restlosen Begreifens" der Wirklichkeit durch ein Denken, das mit sich zu seiner
absoluten Vollendung gekommen ist.
Es ist deutlich, daß sich KIERKEGAARDS Polemik vor allem gegen den Absolutheitsanspruch eines "restlosen"
Erfassens der Weltwirklichkeit unter vermeintlichem Einschluß des Zukünftigen richtet (c), weniger gegen
den Versuch, den Zusammenhang der Wirklichkeit in einem (vorläufigen, projekthaften) Systemganzen zu
erfassen, auch nicht gegen die bloße Abstraktheit des spekulativen Denkens (denn sofern es spekulativ ist, ist
es ja seinem Wesen nach legitimerweise abstrakt). - Ob nun diese oder jene Abgeschlossenheit des Denkens
bei HEGEL so "unverrückbar angelegt" ist (S. 340), ist nach der Darstellung PUNTELS fraglich - trotz dessen
Konzession, daß HEGEL einen affirmativen Freiheitsbegriff nicht expliziert, wenngleich voraussetzt (S.342f).
Daß HEGEL das "positive Wesen der Freiheit nicht ausgeführt und dargestellt" hat (S.343), kann als
Ausgangspunkt der alternativen Konzepte SCHELLINGS und KIERKEGAARDS und als Hauptansatzpunkt ihrer
Kritik betrachtet werden, die vom Freiheitsbegriff ausgeht und versucht, Freiheit "schon in sich als wirkliche
Freiheit zu denken" (D. HENRICH, Fichtes ursprüngliche Einsicht, Ffm 1967 S.50) - so bei SCHELLING in der
Freiheitsschrift (1809) und bei KIERKEGAARD in BA (1844).
Zur Problematik von System und Freiheit vgl. auch H. KRINGS, System und Freiheit, in: Hegel-Studien Bh.17,
1977, S.35-51 (zu SCHELLING 1809 aus KANTISCHER Perspektive), sowie W. SCHULZ, Existenz und System
(1957, wieder in SCHREY WdF 1971), der zurecht feststellt, daß "Kierkegaard immer wieder betont [hat], daß
nur für Gott ein abgeschlossenes System möglich sei, nicht aber für den werdenden und existierenden
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Synthese trotz Divergenz: KIERKEGAARD und NIETZSCHE
KIERKEGAARDS Denken impliziert andererseits auch eine Auseinandersetzung mit dem von
NIETZSCHE repräsentierten Denktypus (insbes. in KzT, vgl. hier Kap. 2). Die spätere Synthese
von KIERKEGAARDS Denken mit dem NIETZSCHES14 führt im Existentialismus zu einer
einseitigen Ausrichtung der Philosophie. In ihr wird die Verzweiflung (vgl. KzT) als
Normalfall und der Normalfall als Verzweiflung ausgelegt. KIERKEGAARDS Philosophie
bekommt dabei eine eigentümlich dezisionistische15 Färbung. Er wird zum Propheten eines
irrationalen Paradoxes - und als solcher auch noch gefeiert. Der Freiheitsbegriff entartet im
Strom einer schwer durchschaubaren Begeisterung für KIERKEGAARD. Die Rezeption seines
Denkens ist in jener "KIERKEGAARD-Renaissance" verbunden mit einer Verkehrung seiner
Grundgedanken. Die Ende der Zwanzigerjahre sich manifestierende, "existential-ontologische"
Verkehrung seines Denkens durch HEIDEGGER findet ihr Gegenstück in der linkshegelsch-
neomarxistisch-freudianischen Reduktion und Konstruktion ADORNOS. Von dieser Diagnose
der KIERKEGAARD-Rezeption in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts her stellt sich die
Aufgabe, seinen Freiheitsbegriff gegenüber allen jenen Verdrehungen und Verschüttungen
freizulegen oder zumindest von ihnen abzusehen. Was im unserem Jahrhundert vor allem
"vergessen" oder bewußt zurückgedrängt worden ist, das ist der christliche (Hinter-) Grund
der Freiheitsthematik bei KIERKEGAARD. Ihn gilt es zu rekonstruieren. Als rekonstruierter
stellt er dann ein bestimmtes Paradigma christlicher Freiheitskonzeptionen dar.
Somit ist das Anliegen dieser Arbeit ein in sich Doppeltes: Sie versucht, KIERKEGAARDS
Menschen."(298) - Bemerkenswert ist auch die bei M. THEUNISSEN angefertigte Dissertation von EMIL
ANGEHRN, Freiheit und System bei Hegel (1976; Berlin 1977), bes. 392f,398ff,413-468. ANGEHRN geht von
der These aus, "daß Freiheit nur im Rahmen des Systems und nur auf dem Hintergrund seines
Konstitutionsprinzips angemessen dargestellt werden kann" (S.6), und wendet sich daher gegen Versuche, im
Namen wahrer Freiheit "ein Antisystem auszurufen" (S.468). Dies ist in der Tat überflüssig und illegitim,
wenn sich das System als die wahre Gestalt der Freiheit erweist, d.h. selbst wesentlich "Freiheitstheorie" (420
u.ö.; vgl. 480) ist und auf Freiheit basiert. Dann müßte es im Sinne KIERKEGAARDS (dessen Systemkritik
ANGEHRN ebenso wie PUNTEL übergeht) auf die Konsistenz von Freiheitscharakter und Systematizität hin
überprüft werden. Dies kann aber nicht nur unter geschichtsphilosophischen, sondern muß auch unter
ethischen Aspekt erfolgen. Gegen das System als "einheitliche und in sich konsequente Theorie der Freiheit"
(442) ist ja nichts einzuwenden, solange Freiheit auf eine prinzipiell offene Zukunft bezogen bleibt
(KIERKEGAARD, vgl. auch E. BLOCH). Gerade das ist jedoch vom in sich geschlossenen System her nicht
möglich. ANGEHRN vertritt nun allerdings die These, daß HEGEL zwar ein ("logisch") in sich geschlossenes,
aber kein abgeschlossenes System im Sinn von Endgültigkeit oder Unüberholbarkeit vertreten habe (S.435)
und es bei ihm prinzipiell als unvollendet (S.479) konzipiert sei. Unter Voraussetzung der Richtigkeit dieser
These wäre KIERKEGAARDS Kritik an HEGELS System zu überprüfen. Wenn sie nicht HEGEL trifft, so vielleicht
doch Ausprägungen des Rechts- oder Linkshegelianismus dt. oder dän. Spielart. Dies kann hier nicht im
einzelnen untersucht werden. Es genügt festzustellen, daß sich KIERKEGAARD vom Freiheitsbegriff her gegen
eine (spinozistisch mißverstandene?) Abgeschlossenheit des Systems wendet, die bei HEGEL zwar tendenziell
angelegt, aber nicht eindeutig nachweisbar ist.
14) Die Affinität KIERKEGAARD-NIETZSCHE ist in Deutschland bereits vor dem Ersten Weltkrieg entdeckt
worden. In der Existenzphilosophie bei JASPERS und SARTRE (aber auch bei HEIDEGGER) entsteht eine höchst
eigenartige Synthese beider Denker. Besonders im III. Reich wird dann die Nähe beider (als Front gegen
Dekadenz, Mittelmäßigkeit und tatenlose Indifferenz) ins Spiel gebracht. Vgl. etwa A. BAEUMLER (1934,
S.167): "Was die Jugend zu Kierkegaard und Nietzsche führt," - deren "tiefe Verschiedenheit" (179) nicht
verschwiegen wird - "ist das Gefühl dafür, daß hier gelebte, nicht nur gedachte Wahrheiten zu finden sind."
(Vgl. dazu die hervorragende Darstellung von W. GREVE: Kierkegaard im Dritten Reich, 1985)
15) Zum Dezisionismus-Vorwurf vgl. K. LÖWITH (1956, wieder in: THEUNISSEN, Mat. 1979; dort S.540) und
KL.-M. KODALLE (1983) S.199.
Description:von KzT A,a führt. Aber so banal ist diese Abgrenzung nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, wie auch 330) Vgl. Anm. 102. 331) Es ist