Table Of ContentAlberto Moravia
Ein anderes Leben
Un’ altra vita
Erzählungen
Rowohlt
Die italienische Originalausgabe erschien unter dem Titel
«Un’ altra vita»
Aus dem Italienischen übertragen von
Piero und Peter A. Rismondo
Umschlagentwurf Dieter Ziegenfeuter
30. – 34. Tausend Oktober 1986
Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg, Juni 1977
Copyright© 1974 by Gruppo Editoriale Fabbri Bompiani
Sonzogno Etas S. p. A. Milano
(Originalausgabe)
Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
ISBN 3499 140837
«Ein Panorama der Weiblichkeit tut sich auf in diesen
kühl, sachlich, präzis erzählten Miniaturen von
knisternder Dramatik. Es sind samt und sonders
blitzgescheite Momentaufnahmen von psychologischer
Tiefenschärfe. Mit böser Ironie und untergründigem
Sarkasmus behandelt er immer wieder das Thema der
zum Gebrauchsgegenstand entwürdigten Frau, der
Ausgenutzten, Frustrierten, Nicht-Emanzipierten. Es
kommt zu oft verzweiflungsvollen Ausbrüchen aus der
Rolle der Ehefrau und Mutter, zu wahren
Emanzipationskrämpfen, ja zur Flucht in die Kriminalität
– und zur reumütigen Rückkehr. Die ganze Palette des
Aufmuckens, der Aufsässigkeit wird durchgegangen.
Moravia stachelt es geradezu auf, das emanzipatorische
Aufbegehren der Frau – und haut es ob all seiner
Unzulänglichkeit in die Pfanne, ebenso wie die Hoffart
der jungen Generation. Moravia, berühmt-berüchtigt als
Verfasser sublimer erotischer Literatur, erledigt in diesen
geistvollen Geschichten die ganze Sexwelle
einschließlich ihres Porno-Ablegers… Blendend erzählt,
psychologisch genau und eine jede Erzählung mit einem
überraschenden Knalleffekt» («Kölnische Rundschau»).
Alberto Moravia wurde am 28. November 1907 in Rom
geboren. In seiner Jugend fesselte ihn eine schwere
Krankheit jahrelang ans Bett, und so wurde er von einem
Privatlehrer erzogen. Nach seiner Genesung begann er
1925 zu schreiben. Sein Roman «Die Gleichgültigen»
(1929; rororo Nr. 570) wurde von den Faschisten ebenso
verboten wie die Novelle «Le mascherata» (1941), eine
getarnte satirische Darstellung der Diktatur. In seiner
Heimat verfemt, ging er als Zeitungskorrespondent nach
Griechenland, China, Rußland und Amerika. Sein
Knabenroman «Agostino» (1944) erhielt den ersten
italienischen Literaturpreis, der nach der Befreiung des
Landes verliehen wurde. 1951 wurde der Autor zum
erstenmal für den Nobelpreis vorgeschlagen, 1952 erhielt
er den Premio Strega.
EINE SCHLAFWANDLERIN
Mein Mann macht gar nichts. Ich hingegen arbeite: ich bin
Rechtsanwältin. Es wäre aber unrichtig zu sagen, daß mein
Mann untätig ist. Mein Mann arbeitet nicht, das stimmt, aber er
tut sehr viel, er ist einer der meistbeschäftigten Männer, die ich
kenne. Womit er beschäftigt ist? Na, damit, allerhand
Liebschaften anzubahnen, sie zu planen, zu organisieren. Kurz,
mich zu betrügen. Wer will behaupten, daß Lieben
gleichbedeutend sei mit Nichtstun? Zumal, wenn es sich um
mehrere Frauen gleichzeitig handelt. (Einmal zählte ich deren
acht.) Wer so etwas behauptet, weiß nicht, was es heißt, sich
mit der Liebe zu beschäftigen. Allein die Listen, die er sich
ausdenken muß, um vor mir und jeder dieser Frauen zu
verheimlichen, daß er uns betrügt, nimmt die ganze Zeit
meines Mannes in Anspruch, ob man sie nun als Freizeit
bezeichnen mag oder nicht. Er muß sich die Zeit sogar vom
Schlaf absparen.
Während der ersten fünf Jahre unserer Ehe duldete ich die
Betrügereien meines Mannes. Dann aber beschloß ich, mich zu
rächen. Gewiß, ich hätte die Scheidung beantragen können,
dies aber hätte einen kleinen Schönheitsfehler gehabt: ich
liebte meinen Mann, meine Liebe zu ihm nahm sogar zu, je
mehr er mich betrog. Da mir also die Liebe den Weg der
Scheidung verschloß, beschritt ich mit der seltsamen Logik der
Leidenschaft den Weg der Rache. Mit einem Wort: ich
beschloß, meinen Mann umzubringen.
Ich habe eine besondere Eigenschaft: ich bin Nachtwandlerin.
Ich stehe oft des Nachts auf und wandle durch die Wohnung,
das totenblasse Gesicht starr vorgereckt, die düster-grauen
Augen aufgerissen, das elektrisch geladene Haar über die
Schultern gebreitet; dabei schlage ich mit beiden Händen
meinen Schlafrock weit auseinander, als wollte ich meinen
vernachlässigten Körper anbieten. Mein Mann und Lena, das
Dienstmädchen, kennen meinen Zustand und hüten sich, mich
zu wecken. Gewöhnlich streife ich durch die Zimmer, öffne
Laden, verrücke Gegenstände, ohne, wie durch ein Wunder, an
die Möbel anzustoßen. Dann kehre ich ins Bett zurück. Mein
Schlafwandeln ist im ganzen Haus bekannt: eines Nachts ging
ich auf den Treppenflur hinaus und läutete an der Nachbartür.
Bekanntlich kann ein Schlafwandler in seinem Zustand sehr
komplizierte Handlungen ausführen, die in wachem Zustand
geradezu übernatürliche Kenntnisse und Fähigkeiten erfordern
würden. Im Grunde ähnelt er einem Schauspieler, der sich auf
der Bühne ganz und gar in die darzustellende Rolle versetzt.
Beim Schlafwandler sind gewisse Fähigkeiten aufs äußerste
gesteigert, andere wieder wie ausgeschaltet. Der Traum, den er
erlebt wie der Schauspieler die Dichtung, schärft ihm die
Sinne, seine Bewegungen sind präzise, unfehlbar. Mein
Gedanke war es nun, so einen Anfall von Somnambulismus
vorzutäuschen und dabei, statt wie üblich Stühle zu rücken,
Türen zu öffnen und Laden zu durchsuchen, einfach meinen
Mann zu erschießen. Schlafwandler machen alles mögliche. Es
ist schließlich einfacher, eine Pistole abzufeuern, als mit
vorgestreckten Armen auf einem Gesims spazierenzugehen.
Gesagt, getan. Ich setze den Tag fest. Am Abend dieses
Tages esse ich allein. Mein Mann ist unter einem
unglaubwürdigen Vorwand (ein Herrenessen mit
Fakultätskameraden, die im selben Jahr wie er promoviert
wurden) zu irgendeiner seiner Geliebten gegangen. Nach dem
Abendessen setze ich mich ins Wohnzimmer und verbringe
vier Stunden damit, zu rauchen, fernzusehen, in Zeitungen und
Zeitschriften zu blättern. Mein Körper wird steif, alles
verkrampft sich in mir, ich bin wie betäubt, mein Kopf ist leer,
ich denke an nichts: vielleicht ist das schon der Zustand des
Schlafwandelns. Mein Mann kommt um eins nach Hause. Er
betritt nicht einmal das Wohnzimmer, um mir den
Gutenachtkuß zu geben, und fügt so der Beleidigung die
Kränkung hinzu. Er zieht sich gleich in sein Zimmer zurück.
Ich gehe meinerseits in mein Zimmer, entkleide mich, lege
mich aufs Bett und verbringe weitere vier Stunden damit, im
Dunkeln zu rauchen. Merkwürdig, wenn man den Rauch nicht
sieht, schmeckt die Zigarette nicht. Um fünf Uhr stehe ich auf,
so wie ich es mir vorgenommen hatte.
Ich lege das Nachthemd ab und ziehe den Schlafrock über
meinen nackten Körper. Dies ist, wie ich glaube, das übliche
Ritual bei meinen schlafwandlerischen Anfällen. Diesmal
jedoch kommt noch etwas hinzu: die Pistole meines Mannes.
Ich habe sie heute aus dem kleinen Schrank entwendet, in dem
er sie aufbewahrt. Sie wiegt schwer in meiner Tasche. Ich
zögere. Dann gehe ich mit dem gleichen raschen Entschluß,
mit dem ein Schauspieler die Bühne betritt, zur Tür, öffne sie
und bin im Korridor. Es ist nicht eigentlich ein Korridor, eher
ein enger Durchgang zwischen zwei Reihen von Kästen und
Regalen voller Bücher. Hier also wandle ich im trüben Licht
der wenigen Glühbirnen, hoch aufgerichtet, wie eine
Marmorstatue, mit weit aufgerissenen Augen und fliegendem
Haar. Gleichzeitig öffne ich mit beiden Händen den
Schlafrock, strecke die Brust heraus und lege den Kopf zurück.
Dies ist meine Art schlafzuwandeln, ich weiß es, mein Mann
und Lena haben es mir oft genug beschrieben.
Ich setze Schritt vor Schritt, bis ich am Ende des Korridors
bin, wo sich das Zimmer Lenas befindet, unseres alten
Dienstmädchens, dieser jugoslawischen Hopfenstange. Ich
will, daß sie mich sieht, damit sie später als Zeugin zu meinen
Gunsten aussagen kann. Ich drehe langsam den Türgriff, öffne,
stelle mich steif wie eine Leiche auf die Schwelle.
Überraschung. In dem vom Korridor einfallenden, indirekten
Licht sehe ich, daß Lenas Bett leer ist, obwohl es schon
benutzt wurde. Die Bettdecken sind zur Seite geschoben, als
wäre Lena plötzlich aufgestanden. Ich weiß nicht warum, aber
auf einmal befällt mich der verwirrende Verdacht, daß irgend
etwas an meinem Plan nicht stimmt.
Immer noch starr und steif, langsam und gravitätisch wie ein
Automat, sehe ich erst in Lenas, dann in unserem Badezimmer
nach. Nichts. Wo kann das Dienstmädchen, um fünf Uhr früh,
hingegangen sein? Der Verdacht dauert an, daß irgend etwas
auf geheimnisvolle Weise nicht stimme, daß die Wirklichkeit
gleichsam einen Sprung bekommen habe. Trotzdem beschließe
ich, meinen Plan, auch ohne Lenas Zeugenschaft,
durchzuführen. Ich gehe in den Korridor zurück. Auf meiner
weiteren Wanderung tue ich das, was ich, wie man mir erzählt
hat, immer tue: ich bleibe kurz stehen, nehme aufs Geratewohl
ein Buch aus einem Regal, schlage es auf, stelle mich, als
würde ich darin lesen, und schiebe es wieder an seinen Platz
zurück. Dies für den Fall, daß mich »irgendwer« (aber wer?)
beobachtet.
Da ist die Tür, die zu meinem Mann führt. Ich drücke
vorsichtig die Türklinke, öffne, trete ein. Entsetzlich. Lena, die
unauffindbare, die alte, wenn auch noch energische und emsige
Lena, liegt im Bett meines Mannes. Ihr nackter, knochiger
Rücken und ihr borstiger Hinterschädel mit den spärlichen,
wirren und gelben Haarbüscheln sind der Tür zugekehrt. Auf
einen Ellbogen gestützt betrachtet sie mit zweifellos
berechtigtem Wohlgefallen meinen Mann, der ausgestreckt
daliegt, den Kopf auf dem Kissen, die Brust unbedeckt. Wieder
habe ich das Gefühl, daß etwas an meinem Plan
schiefgegangen ist. Es bleibt mir jedoch nicht genug Zeit,
diesem peinlichen Gefühl nachzuforschen. Der neuerliche,
unerhörte Betrug meines Mannes mit dem Dienstmädchen, mit
einer schon betagten Frau, mit einer Person, die
gewissermaßen zur Familie gehört, der ich vertraute, von der
ich glaubte, sie sei mir zugetan, dieser unwahrscheinliche und
doch greifbare, dieser ungeheuerliche und doch folgerichtige
Betrug muß gerächt werden. Ich umklammere in der Tiefe
meiner Tasche die Pistole, ziehe sie langsam heraus, richte sie
aufs Bett… und erwache.
Ich stehe aufrecht am Fenster, die Ellbogen auf das
Fensterbrett gestützt, und schaue in den Garten. Vor mir das
schwarze und dichte Efeuspalier, das die Einfriedungsmauer
bedeckt. Das Licht einer Straßenlaterne leuchtet einen Winkel
des Gartens aus: die von Feuchtigkeit geschwärzte
Marmorbank, den sie umgebenden Lorbeerhain, das Becken
und den dünnen Wasserstrahl, der aus einem künstlichen
Felsen hervorquillt, kraftlos und glitzernd aufsteigt, um sich
schließlich in das schwarze Wasser zu ergießen. Es ist der
stillste, der tiefste, der Sterbeaugenblick der Nacht. Wäre nicht
das Plätschern des Wasserstrahls, ich würde glauben, ich
träume. Ein Kälteschauer überrieselt mich. Ich schließe den
Schlafrock. Da bemerke ich plötzlich, daß in seiner Tasche
keine Pistole ist.
Es ist klar, ich hatte einen Anfall von Somnambulismus. Ich
bin im Schlaf aus dem Bett gestiegen, bin zum Fenster
gegangen, habe die Fensterläden geöffnet und hinausgeschaut.
Und der Plan, meinen Mann in einem vorgetäuschten Anfall
von Somnambulismus umzubringen? Nichts als ein Traum im
Traum. Ich träumte, daß ich vortäuschte, im Traum durch die
Wohnung zu wandern. Aber irgend etwas während dieses
Traums ließ mich erkennen, daß ich nicht vortäuschte, zu
träumen, sondern wirklich träumte. Was? Die unglaubliche,
hirnrissige Geschichte meines Mannes mit Lena, diese