Table Of ContentBand 1 der Reihe 'Transformation des Menschen'.
Titel der Originalausgabe: Gurdjieff Today
Copyright (C) Elizabeth Bennett
Erweitert durch ein Interview mit J.G. Bennett in
Sherborne House 1973.
Übersetzung aus dem Englischen von Bruno Martin.
2. verbesserte und erweiterte Auflage 1977
Druck: Klaus Becke, Frankfurt
Verlag Sruno Martin, Saalburgstr. 4, 6 Frankfurt 60
ISBN3-921786-07-X
VORWORT
Mit der vorliegenden Schrift wird die Reihe „Die Umwandlung des
Menschen" eingeleitet. Dem Text hegt ein Vortrag zugrunde, der
in Caxton Hall, London, im Dezember 1973 gehalten wurde. Dieses
Buch ist bestimmt für Menschen, die Gurdjieff bereits kennen oder
schon mit anderen Sufi-Lehren in Berührung gekommen sind. Aber
die ganze Reihe kann auch als Zugang zur Praxis dienen, besonders
für die Leute, die einen Ausweg aus ihren persönlichen und gesell
schaftlichen Problemen suchen.
Als Gurdjieff mit seinem System und seinen Methoden das erste Mal
nach Frankreich kam, wurde die Bedeutung seiner Ideen und Metho
den allgemein nicht anerkannt und verstanden. Jetzt, etwa fünfzig
Jahre danach, in einer immer chaotischeren, expandierenden Welt,
wird die Bedeutung seiner Lehre von einer ständig wachsenden Zahl
von Menschen erkannt, die nach dem Sinn ihres Lebens suchen. Für
diese Suche ist Gurdjieffs Lehre herausragend, denn er hebt hervor,
daß wir „die Welt anders sehen müssen" und stellt uns die Methoden
und Techniken dafür zur Verfügung.
J.G. Bennett
GURDJIEFF HEUTE
Verbesserte und erweiterte Neuauflage
mit einem Interview mit J.G. Bennett
über Themen wie Gemeinschaften, freiheitliche Erziehung,
Freiheit, Sexualität und anderes
VERLAG BRUNO MARTIN
EINFÜHRUNG
Das Ziel unserer Arbeit in Sherbome (Internationale Akademie für
Fortdauernde Erziehung) heißt 'Umwandlung', also die Vereinigung
der körperlichen und spirituellen Elemente unseres Wesens, die
sonst durch eine Schranke der Illusion getrennt sind. Wir sind uns
darüber im klaren, daß die Menschheit vor einer überaus kritischen
Phase in der Geschichte steht, in der alles von unserer Fähigkeit
abhängen wird, mit den spirituellen Kräften, die uns helfen wollen,
zu kooperieren, um diese Krise zu bewältigen.
Dafür werden aber viele Männer und Frauen gebraucht, welche diese
Umwandlung in sich vollzogen haben — mehr als je zuvor in der Ge
schichte. Jene, die diese Wahrheit erkannt haben, wollen ihre eigene
Umwandlung schnell voranbringen, um den Bedürfnissen der Mensch
heit gerecht zu werden. Zu diesem Zweck müssen alle verfügbaren
Mittel eingesetzt werden.
Mit der Arbeit in Sherborne1 wird der Versuch unternommen, zu
allen Teilen unseres Wesens vorzudringen. Durch Erlernen praktischer
Fertigkeiten, durch Teilnahme an allen häuslichen Pflichten, durch
Mitarbeit in den Gurdjieff-Bewegungsübungen und anderen inneren
Übungen, entwickeln wir unsere Funktionen, — die körperlichen,
gefühlsmäßigen und intellektuellen. Im Kampf gegen unsere negati
ven Eigenschaften stärken wir unseren Willen. Darüber hinaus versu
chen wir Gurdjieffs Rat zu folgen und „immer mehr über die Gesetze
der Weltschöpfung und Welterhaltung" zu lernen. Für uns ist es in
der heutigen Zeit notwendiger als jemals zuvor zu versuchen, die Welt,
in der wir leben, zu verstehen. Denn in dieser Welt müssen wir arbei
ten und die Aufgaben erfüllen, die unsere Existenz als 'dreihirnige'
Wesen von uns fordert.
Wir studieren die Welt mittels Erfahrung und Beobachtung, anhand
von Büchern und durch Gespräche und Diskussionen. Das Gespräch
oder 'sohbet' stellt eines der Mittel dar, die ein Sufi-Lehrer in der
Arbeit mit seinen Schülern zu Hilfe nimmt. Der ursprüngliche Name
des Schülers ist 'salik' oder Suchender, also ein Suchender nach der
Wahrheit. Einige besitzen aktive intellektuelle Kräfte und eine gute
Ausbildung, andere einen natürlichen Drang nach Wissen. Es ist
leicht für sie, sich in das Studium der Gesetze der Weltschöpfung und
Welterhaltung einzufinden. Jene, denen diese Eigenschaften fehlen,
oder meinen, ohne diese Voraussetzungen zu sein, müssen darauf
vertrauen, auf einem anderen Weg zum Ziel zu kommen. Die Gesetze
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• ri in ihrem Wesensgehalt nicht schwer zu verstehen. Sie werden
sln llem was wir tun und was mit uns geschieht, veranschaulicht.
m i^Qnnen in der Praxis besser verstanden werden als in der Theorie.
n Wissenschaftler oder der Philosoph denkt selten in universalen
Analogien oder kosmischen Gesetzen; er kann sogar durch Ideen
heestoßen werden, denn diese könnten - wenn er sie einbeziehen
würde - sein Verständnis über die Welt umwälzen.
Sollten diese Vorträge Suchenden in die Hände fallen, denen diese
Lehre noch unbekannt ist, deren Interesse an weiterer Information
dadurch aber geweckt wird, so können sie an den Verlag schreiben.
Es gibt viele Gruppen in allen Teilen der Welt, die versuchen, sich
auf eine schwierige Zukunft vorzubereiten. Ganz gleich, wie unter
schiedlich diese Gruppen die Situation auch sehen mögen, und auch
dann, wenn ihre Aussagen gegensätzlich zu sein scheinen, müssen
sie sich kennenlernen und ihre Erfahrungen und Erkenntnisse, so
weit wie möglich, teilen und austauschen. Es gibt keinen ausschließ
lichen Weg, der zu Wahrheit führt — nein, nicht einmal einen 'besten'
Weg. obwohl jeder von uns so denken mag. Das 'Werk' bringt genau
wie die Natur eine große Menge Samen hervor und sät ihn reichlich
aus, damit — ganz gleich wieviel daneben fällt — die Aussaat zur Zeit
der Ernte reif ist. Wir müssen unsere eigene Saat pflegen und dürfen
aber die der anderen nicht vernachlässigen.
GURDJIEFF HEUTE
Kleinkinder im Alter von zwei bis drei Jahren kommen häufig mit
der Frage „Warum?". Manchmal fragen sie auch „warum bin ich
hier?". Wenn sie etwas mehr vom Leben sehen, fragen sie auch
„Warum lebe ich?". Weil die meisten Leute nicht wissen, was sie
darauf antworten sollen, speisen sie die Kinder mit dummen Ant
worten ab und bald geben die Kinder es auf, die Frage ,,Warum?"
zu stellen. Wahrscheinlich begreifen sie die Tiefe und Schwierig
keit der Warum-Frage nicht; aber die Tatsache, daß sie die Frage
stellen, weist darauf hin, daß irgendwo tief in unserem Innern diese
Frage liegt, sogar bevor wir denken können, bevor uns jemand etwas
über uns selbst und diese Welt gelehrt hat. Keiner kann uns eine
überzeugende Antwort darauf geben und somit wird die Frage
„Warum?", allmählich überdeckt und nur wenige nehmen sie wieder
auf und gehen ihr weiter nach.
Der Mann, von dem ich heute Abend sprechen will, George Gurdjieff,
gab die Suche nach der Antwort auf diese Frage niemals auf. Dies
verleiht ihm eine besondere Bedeutsamkeit für unsere gegenwärtige
Zeit. Mehr denn je zuvor werden wir auf diese Frage zurückgeworfen.
Mit Gurdjieff gibt sie keine Ruhe. Mit der Zeit nahm die einfache
Frage „Warum lebe ich?" die Form von ,,Warum gibt es Leben auf
der Erde?" an. „Was hat es mit diesem Leben auf der Erde aufsich?"
und besonders „Was ist unser menschliches Leben, was für eine Be
deutung hat es, wozu existieren wir?". Nun, die Frage nach dem
Zweck des Lebens ist viel ungewöhnlicher, als Sie auf den ersten
Blick annehmen würden. Denn im allgemeinen wurden wir ja schon
von dieser Frage entweder dadurch abgebracht, daß man uns lehrte,
Gott habe uns und die Welt erschaffen und es sei Gottes Angelegen
heit. Oder es wurde uns gesagt, es gäbe keinen Sinn und Zweck des
Lebens, es sei denn, wir Menschen selbst legen einen Sinn hinein.
Man erwartet von uns zu glauben, daß ein Zweck des Lebens, falls
dieser existiert, vom Menschen bestimmt sei. Wäre dem so, so lautete
die Antwort auf die Frage: „Um unsere eigenen Ziele zu verfolgen
und zu befriedigen, wenn wir den Wunsch dazu haben."
Diese zweite Antwort wurde in den letzten Jahrhunderten bevorzugt
und wird es auch heute noch. Die meisten Gelehrten sind der Ansicht,
daß jede Frage nach Sinn und Ziel des Lebens als eine vom Menschen
bestimmte Frage erachtet werden mirß, die einer vom Menschen
bestimmten Antwort bedarf. Wenn das stimmte, so können wir dar-
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auf tatsächlich nach Belieben antworten. Geben wir uns aber nicht
damit zufrieden und fühlen, daß an diesem Glauben, der Zweck des
Lebens auf der Erde sei etwas vom Menschen selbst Herbeigeführtes,
etwas nicht stimmen kann, dann nähern wir uns einem neuen Weg,
Welt und Leben zu betrachten. Und dieser neue Weg ist in Gurdjieffs
Beitrag hervorstechend.
Hat das menschliche Leben einen Sinn und Zweck, den wir verstehen
können, d.h. haben wir eine Aufgabe zu erfüllen, und wenn das für
alles Leben gilt, dann muß dieser Zweck etwas mit dieser Erde zu tun
haben, vielleicht sogar mit diesem Sonnensystem. Auf unserer Suche
nach einer Antwort werden wir dann über diese Welt nicht hinausge
hen, sondern wir werden sie auf eine andere Art betrachten. Anstatt
das Leben auf dieser Erde blindem Zufall oder göttlicher Fügung zu
zuschreiben, werden wir sie so sehen, daß sie für Zwecke geschaffen
wurde, die der Größe und Bedeutung dieses Sonnensystems innerhalb
des gesamten Universums entsprechen. So lange die Menschheit den
ken konnte, diese Erde sei das Zentrum des Universums oder unser
Sonnensystem sei die zentralste und bedeutendste Existenzform die
ses Universums, dachten sie, alle Zwecke entsprächen denen dieser
Erde und wären den menschlichen Zielen ähnlich, als ob er die höch
ste Existenzform auf der Welt sei.
Eine der einschneidensten Änderungen für unsere Weltanschauung
ist auf die Entdeckung zurückzuführen, daß dieses Sonnensystem ei
nen unbedeutenden Rang im großen Universum einnimmt. Wir sehen
jetzt, daß es ziemlich absurd wäre, die Zwecke innerhalb des Sonnen
systems und die des gesamten Universums für identisch zu halten.
Wir können sagen, daß die Zwecke innerhalb des Universums uner-
forschlich sind und es wahrscheinlich auch bleiben werden. Aber
dies trifft dann nicht zu, wenn wir bereit sind, das Sonnensystem
immanent zu betrachten. Dann stehen wir vor einem vollkommen
neuen Weg bei der Betrachtung des Problems 'Leben'. Wenn wir
ein Ziel ins Auge fassen, das weder unendlich und transzendental
ist, noch außerhalb des Universums liegt, und auch nicht auf die
Belange des Menschen zugeschnitten ist, müssen wir zu dem Schluß
kommen, daß dieser Zweck begrenzt und sein Erreichen gefährdet
ist. Die Geschichte der Erde lehrt uns, daß im Verlaufe der Evolution
vielversprechende Ansätze zustandekamen, die fehlschlugen und nur
einige Überreste als Zeugen zurückließen. Die menschliche Rasse,
homo sapiens, hat im Neanderthaler, der über 50000 Jahre versuchte,
lebensfähige Gemeinschaften zu schaffen, schließlich scheiterte und
durch das Auftreten einer neuen, befähigteren Menschart verschwand,
ein durchschlagendes Beispiel.
Die Konsequenz eines Denkens, das nur auf einen begrenzten, fehl
baren Zweck gerichtet ist, der aber jeden nur menschlichen Zweck
übertrifft, ist gewaltig. Wie Gurdjieff es ausdrückte, können wir uns
als Schaf- oder Viehherde sehen, die nur wegen ihres Fleisches, ihrer
Wolle und ihrer Felle gehalten wird. Es könnte sich herausstellen, daß
der Mensch, in der modernen Sprache ausgedrückt, ein 'entbehrlicher
Artikel' ist, dessen Sterben für die Erde eine große Erleichterung, für
die Sonne eine Enttäuschung und für den Rest des Universums be
deutungslos sein könnte. Wichtig ist für uns jetzt mit der Vorstellung
vertraut zu werden, daß es Ziele geben könnte, die gewaltiger als
menschliche Ziele und gleichsam winzig im Verhältnis zum ganzen
Universum sind. Solche Gedanken führten Gurdjieff zu seiner Frage
„Was ist der Sinn und Zweck des Lebens auf der Erde?". Im Zu
sammenhang mit dem Sonnensystem, aber nicht in Begriffen einer
absoluten Realität des ganzen Universums betrachtet, können wir
herausfinden, daß eine radikale Änderung unserer Ansichten über
das Leben notwendig ist. Wir sind gezwungen, ganz anders zu den
ken, als in den beiden gerade erwähnten Fragestellungen.
Um die erste Antwort auf die Frage „Was ist Sinn und Zweck des
Lebens auf der Erde im allgemeinen und des menschlichen Lebens
im besonderen?" geben zu können, betrachtete Gurdjieff die Zusam
menhänge um uns herum. Immer wenn wir bemerken, daß Menschen
sich einer Sache besonders annehmen, erwarten wir die Frage „War
um tust du das, oder wozu?" beantworten zu können. Wenn wir
Menschen riesige Vieh- oder Schafherden oder andere Tiere mit
großer Sorgfalt hegen, fragen wir auch wozu. Und unsere Antwort
lautet nicht: „Weil wir sie gerne haben", sondern: „Wir verwenden
soviel Sorgfalt, weil wir ihr Fleisch, ihre Wolle, und ihr Leder wol
len." Wenn wir dies nun auf die Menschheit übertragen und fragen
„Wozu wird die Menschheit auf dieser Erde erhalten?", was sollten
wir antworten? Warum wurde über Hunderte von Millionen Jahren
so vieles sorgfältig für die Menschheit vorbereitet? Der fruchtbare
Boden, mit dessen Hilfe die Vegetation das Leben erhält, diese zahl
losen Mineralien, die unter der Erdoberfläche konzentriert sind und
mit denen der Mensch all das schaffen konnte, was er brauchte, wozu
all diese Sorgfalt? Können wir die Frage untersuchen, wie wir das bei
unseren Schafen und Kühen taten? Können wir sagen: „Weil die
Menschheit einer höheren Macht so am Herzen liegt, daß diese Bedin
gungen Jahrmillionen hindurch vorbereitet wurden? Geben wir eine
andere Antwort: „Nein, nicht aus diesem Grunde, sondern weil vom
Menschen und der menschlichen Rasse etwas gebraucht wird, ver
gleichbar dem Bedarf, den wir an Fleisch, Wolle und Leder haben."
Dies ist die Antwort, zu der Gurdjieff kam. Eine Antwort, die dem
Menschen lange Zeit nicht in den Kopf kam. Der letzte große Leh
rer, der dies vor 2500 Jahren lehrte, war vermutlich Zoroaster. Es
ist Bestandteil der älteren jüdischen Urschriften; wenn man sie unvor
eingenommen liest, trifft man auf die Existenz einer solchen Haltung
in den frühen biblischen Zeiten. Aber heute werden solche Ansichten
beiseitegeschoben.
Wir besitzen eine exaltierte Vorstellung über den Menschen, daß uns
der Gedanke, wir seien in den Augen von höheren Mächten nicht
mehr als Vieh oder Gras auf dem Feld der Vergänglichkeit, noch
nicht einmal beleidigt. Wir belasten uns nicht einmal damit, solche
lächerlichen Ansichten, die in das Zeitalter der Wilden gehören, wo
der Mensch von der Natur eingeschüchtert wurde, zu erwägen. Heute
wird der Mensch durch nichts tief beeindruckt, außer von der Vision
seiner eigenen Größe.
Müssen wir zurückkehren zu solch einer altertümlichen Ansicht, daß
der Mensch nur existiere, um einem begrenzten, nicht von ihm be
stimmten Zweck zu dienen? Wird er nur zu etwas gebraucht? Als
Gurdjieff vor 50 Jahren uns seine Ideen zum ersten Mal vorstellte,
waren sie etwas vollständig Neues, so seltsam und so schockierend,
daß wir glaubten, diese seien nur beabsichtigt, um uns aufzurütteln,
damit wir unsere eigene Frage „Wofür ist mein Leben", „Was fange
ich damit an?" hochreißt. Und mit diesem heilsamen Schock dann
unser Leben unter der Anwendung des Gelernten weiterzuleben, aber
ohne den Konsequenzen der Frage „Ist unser Leben zu unserem ei
genen Nutzen oder leben wir, um einem höheren Zweck zu dienen?"
wirklich ins Gesicht zu schauen. Heute, kurze 50 Jahre nachdem
Gurdjieff diese Vorstellungen der westlichen Welt näherbrachte,
sieht es ganz anders aus. Die Ziele des Menschen sind bei weitem
nicht mehr so überzeugend als zuvor. Die Annahme, der Mensch
wisse, was er aus seinem Leben mache, und gäbe allem Leben auf
der Erde Sinn, ist nicht mehr plausibel. Wir zerstören das Leben auf
der Erde rücksichtslos und bereiten sogar die zukünftige Zerstörung
menschlichen Lebens vor. In den letzten 60 Jahren haben wir einen
großen Teil menschlichen Lebens unnötigerweise zerstört. Überall
beginnen die Leute, menschliche Ziele in Frage zu stellen und sind