Table Of ContentElke Brendel
Wissen
Grundthemen Philosophie
Herausgegeben von
Dieter Birnbacher
Pirmin Stekeler-Weithofer
Holm Tetens
Elke Brendel
Wissen
ISBN 978-3-11-022012-4
e-ISBN 978-3-11-022013-1
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Satz: fidus Publikations-Service GmbH, Nördlingen
Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen
Printed on acid-free paper
Printed in Germany
www.degruyter.com
Vorwort
Fragen nach der Natur, dem Wert, den Quellen sowie den Möglichkeiten und
Grenzen menschlichen Wissens stehen bereits seit der Antike im Zentrum
erkenntnisphilosophischer Untersuchungen. Das vorliegende Buch widmet
sich diesen Fragen vorwiegend aus der Perspektive der modernen analytischen
Erkenntnistheorie und gibt einen problemorientierten, systematischen Einblick
in aktuelle erkenntnistheoretische Debatten und Positionen. So werden etwa
Fragen nach der Begriffsanalyse von Wissen und dem Verhältnis von Wissen und
Zufall behandelt. Es werden moderne Lösungsansätze zum Wissensskeptizismus
vorgestellt sowie kontextualistische und relativistische Wissensansätze kritisch
analysiert. Ebenso wird die erkenntnistheoretische Diskussion über den Wert des
Wissens erörtert, neueste empirische Untersuchungen zu epistemischen Intuitio-
nen im Rahmen der „experimentellen Philosophie“ werden vorgestellt und deren
Relevanz für die philosophische Erkenntnistheorie untersucht. Ein weiteres Ziel
dieses Buches besteht darin, eine eigene Position in Form einer bestimmten
externalistischen und antikontextualistischen Wissenstheorie der epistemischen
Methodensicherheit zu entwickeln und zu verteidigen.
Die Arbeiten zu diesem Buch wurden gefördert durch die Deutsche Forschungs-
gemeinschaft (DFG) im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes als Fellow am
Lichtenberg-Kolleg der Georg-August-Universität Göttingen vom Oktober 2011 bis
Juli 2012. Ich möchte der DFG und dem Lichtenberg-Kolleg für ihre Unterstützung
sehr herzlich danken.
Mein besonderer Dank gilt auch Frau Barbara Dienst für das sorgfältige Korrek-
turlesen des Buchmanuskripts.
Göttingen, im Mai 2012 E. B.
Inhalt
1 Einleitung 1
2 Begriffsanalyse von Wissen 7
2.1 Die traditionelle Wesensdefinition von Wissen 7
2.2 Definition, Familienähnlichkeit und Explikation 9
2.3 Formen des Wissens 14
2.4 Intellektualismus vs. Anti-Intellektualismus 17
2.5 Zusammenfassung 24
3 Die klassische Wissenskonzeption
und das Gettier-Problem 27
3.1 Platons Konzeption von Wissen 27
3.2 Die klassische Analyse propositionalen Wissens 28
3.3 Gettiers Einwände gegen die klassische Wissensanalyse 36
3.4 Lösungsansätze zum Gettier-Problem 40
3.5 Begriffsanalyse und das Gettier-Problem 49
3.6 Zusammenfassung 50
4 Wissen und Zufall 53
4.1 Evidentieller vs. veridischer Zufall 53
4.2 Das Prinzip der epistemischen Sicherheit 56
4.3 Tugenderkenntnistheorien 69
4.4 Epistemische Sicherheit und intellektuelle Tugenden 74
4.5 Zusammenfassung 77
5 Wissen und Skepsis 81
5.1 Universeller Wissensskeptizismus 81
5.2 Lösungsansätze zum Wissensskeptizismus 85
5.3 Skepsis und „epistemische Angst“ 104
5.4 Zusammenfassung 107
6 Wissen und Kontext 111
6.1 Kontextualistische Semantiken für Wissensaussagen 111
6.2 Relativistische Semantiken für Wissensaussagen 124
6.3 Subjektsensitiver Invariantismus 129
6.4 Zur Pragmatik von Wissensaussagen 133
6.5 Zusammenfassung 137
VIII Inhalt
7 Wissen und Werte 141
7.1 Die erkenntnistheoretische Wertediskussion 141
7.2 Das epistemische Werteproblem 143
7.3 Der finale Wert des Wissens 150
7.4 Zusammenfassung 161
8 Wissen und epistemische Intuitionen 165
8.1 Intuitionen in der Philosophie 165
8.2 Epistemische Intuitionen in Bezug auf Wissen 165
8.3 Epistemische Intuitionen in der experimentellen
Philosophie 167
8.4 Zusammenfassung 177
9 Fazit und Ausblick 179
Anmerkungen 183
Literatur 195
Sachregister 203
Namenregister 207
1 Einleitung
Wissen spielt in allen Bereichen unseres Lebens eine wichtige Rolle und ist der
zentrale Untersuchungsgegenstand der philosophischen Erkenntnistheorie von
der Antike bis heute.
Wir wissen bereits von Kindheit an eine ganze Menge: Wir wissen, wie wir
heißen. Wir wissen, wann wir geboren wurden. Wir wissen, wo der nächste
Supermarkt ist. Wir wissen, warum wir nicht zu viele Süßigkeiten essen sollen.
Wir wissen, wer uns nicht leiden kann. Wir wissen, wie man den Fernseher ein-
schaltet. Wir wissen, dass 2 und 2 gleich vier ist. Wir wissen, dass Hunde Tiere
sind. Und wir wissen, dass der Griff auf eine heiße Herdplatte schmerzt. Wir
erlangen diese unterschiedlichen Arten des Wissens offenbar auf recht einfache
und unmittelbare Weise, wie z. B. durch Wahrnehmung, Beobachtung, Erfahrung
und Lernen. Die Gewinnung manch anderen Wissens, wie etwa des Wissens über
die Unvollständigkeit der Peano-Arithmetik, über den strukturellen Aufbau der
DNA oder über die Beschaffenheit der Marsoberfläche, kann jedoch kognitiv sehr
anspruchsvoll, forschungsaufwendig und kostspielig sein.
Wissen ist ein Erfolgsbegriff. Wissen dient als wichtige Entscheidungsgrund-
lage und hilft bei der Durchsetzung unserer Interessen und der Erfüllung unserer
Wünsche. Wissen befriedigt aber auch das menschliche Bedürfnis der intellek-
tuellen Neugier. „Alle Menschen streben von Natur nach Wissen“, stellt bereits
Aristoteles zu Beginn seiner Metaphysik fest.1 Wir schätzen Wissen im Unter-
schied zum Nichtwissen und zur Ignoranz. Nichts zu wissen oder nichts wissen
zu wollen, kann sogar als moralisch verwerflich verurteilt werden. „Deutsche
einer bestimmten Generation“, so beklagt etwa Elizabeth Costello, die Protago-
nistin in J. M. Coetzees Roman Das Leben der Tiere, hätten nicht etwa deshalb
ihr „Menschsein verloren“, weil sie einen Expansionskrieg geführt und verloren
hätten, sondern „weil sie von bestimmten Dingen nichts wissen wollten“2.
Sich auf philosophische Weise mit Wissen zu beschäftigen, bedeutet, über
das Phänomen des menschlichen Wissens in systematischer und grundlegender
Weise nachzudenken. Zu den traditionellen Fragen der philosophischen Erkennt-
nistheorie zählen insbesondere die folgenden Fragen:
(1) Was ist Wissen?
(2) Ist Wissen überhaupt möglich?
(3) Was ist der Wert des Wissens?
(4) Wie gelangen wir zu Wissen?
(1) ist die metaphysische Frage nach der Natur und dem Wesen von Wissen.
(2) betrifft die skeptische Frage nach den prinzipiellen Möglichkeiten und den
2 1 Einleitung
Grenzen von Wissen. In (3) wird die axiologische Frage gestellt, ob und warum
Wissen für uns Menschen wertvoll ist, und (4) formuliert die epistemologische
Frage nach den Quellen von Wissen und den Wegen der Erkenntnisgewinnung.3
Die Frage „Was ist Wissen?“ ist die erkenntnistheoretisch grundlegende Frage.
Im zweiten Kapitel sollen daher zunächst einige methodologische Vorüberlegun-
gen darüber angestellt werden, wie man diese Frage nach der Natur von Wissen
verstehen und beantworten kann. Es wird sich zeigen, dass eine Wesensdefinition
von Wissen, wie sie etwa Platon beabsichtigte und in der der Wissensbegriff auf
seine essentiellen Merkmale reduziert werden soll, zum Scheitern verurteilt ist.
Es wird vielmehr dafür argumentiert, dass es sinnvoller und vielversprechender
ist, eine Explikation von Wissen anzustreben, die zwar unserer intuitiven Verwen-
dung des Wissensbegriffs möglichst gerecht wird, zugleich aber auch einigen
erkenntnistheoretischen Anforderungen genügen muss. So sollte die intendierte
Explikation in der Lage sein, notorische Probleme und Paradoxien des Wissens zu
lösen. Insbesondere sollte sie dem radikalen Wissensskeptizismus Paroli bieten
können. Doch worin genau besteht eigentlich das Explikandum dieser Wissens-
explikation? Ein Blick auf die eingangs erwähnten Beispiele zeigt bereits, dass
der Wissensbegriff in sprachlich verschiedenen Varianten benutzt wird. „Wissen“
kann zum einen substantivisch („das Wissen“) verwendet werden. Zum anderen
drückt „wissen“ aber auch eine Relation zwischen einem Wissenssubjekt und
einem Objekt des Wissens aus und wird als Verb verwendet, wie in „Peter weiß,
wo der nächste Supermarkt ist“ oder „Maria weiß, warum Peter gestern nicht
nach Hause kam“. In den Wissen-dass-Formulierungen – wie in „wissen, dass 2
und 2 gleich 4 ist“, „wissen, dass Hunde Tiere sind“ oder in „wissen, dass der Griff
auf eine heiße Herdplatte schmerzt“ – wird das Objekt des Wissens in Form einer
Aussage formuliert, die einen bestimmten Sachverhalt, einen sogenannten propo-
sitionalen Gehalt, zum Ausdruck bringt. Diese Form des Wissens wird daher auch
als propositionales Wissen bezeichnet. Nach einer systematischen Analyse der
Beziehungen zwischen den verschiedenen Wissensformen soll gezeigt werden,
dass es aus erkenntnisphilosophischer Sicht gute Gründe gibt, das propositionale
Wissen in den Fokus der Untersuchungen zu stellen.
Aber selbst wenn man sich auf das propositionale Wissen konzentriert, ist es
alles andere als klar, wie sich dieses Wissen genau explizieren lässt. Dieser Frage
geht das dritte Kapitel nach. Es werden dort die klassische, auf Platon zurück-
gehende Wissensdefinition von Wissen als wahrer, mit einer Erklärung verbunde-
nen Meinung sowie einige zentrale Wissensansätze des 20. und 21. Jahrhunderts
vorgestellt. Die meisten der „neoklassischen“ Ansätze sind Reaktionen auf einen
Einwand von Edmund Gettier aus dem Jahr 1963, der zeigte, dass die klassischen
Definitionsbestandteile von Wissen – nämlich wahre Überzeugung und epistemi-
sche Rechtfertigung – nicht zusammen hinreichend für Wissen sind. Es gibt also